Dienstag, 28. September 2010

Lehrer schnell bleichen...

Stolz verkünden einige Kantone und die Fachhochschule Nordwestschweiz, dass sich über 2000 Personen für das Kurzstudium von Quereinsteigern in den LehrerInnenberuf interessiert haben. Dies sei ein Zeichen für die "Attraktivität" des Lehrerberufes, erklärt sich auch die Berner Zeitung von heute Mittag.

Das sind ja schöne Nachrichten. Toll. Danke!
Ich kann mir leider, leider (trotz allem Wunschdenken) nicht vorstellen, dass sich effektiv 2000 Personen gemeldet haben, welche über 30 Jahre alt sind, die nachgewiesen folgende Berufserfahrung mitbringen:
- mit tertiärer Vorbildung (Uni, Fachhochschule): 3 Jahre
- mit Berufslehre (evtl. mit Berufsmaturität oder mit qualifizierender Weiterbildung): 5 Jahre
- mit Maturität: 5 Jahre (inkl. allfälligen Teilstudien an Uni oder Fachhochschule)
die den Aufnahmetest bestehen (wollen) und die sich ein 2-3 jähriges berufsbegleitendes Studium (in dem Alter) antun, um schlussendlich in ihrem neuen LehrerInnenberuf als NeueinsteigerIn mit Fachhochschulabschluss wiederum etwa gleich viel oder weniger zu verdienen, wie in ihrem angestammten Beruf nach 10 Jahren Berufserfahrung (trifft zumindest auf die Primarlehrkräfte im Kanton Bern zu). Aber vielleicht hatte der Tagesanzeiger betreffend der 1400 neuquereinsteigenden Interessierten für die PH Zürich einen etwas besseren Riecher: "Laut Beat W. Zemp, Präsident des Lehrerdachverbands, haben sich einige Interessenten aus Litauen und Rumänien gemeldet, deren Deutschkenntnisse für eine verkürzte Lehrerausbildung in der Schweiz offenbar nicht ausreichten."

Bravo. Da werden wir den LehrerInnenmangel bestimmt bald politsch beheben können, ohne zu überlegen, was man anstelle dieser Vereinfachung der Ausbildung tun sollte, damit bewährte Lehrkräfte der Schule dauerhaft und gesund erhalten blieben. Ob die Qualität schlussendlich im Klassenzimmer stimmt, scheint sowieso schon lange sekundär geworden zu sein. PH-AbgängerInnen werden vor Masterabschluss eingestellt, Berufsleute werden bereits heute ohne Ausbildung befristet als Lehrkräfte engagiert, Klassendurchschnittsgrössen werden erhöht, etc. nur um am Ende jedes Schuljahres sagen zu können: "Es war zwar knapp, mit viel Engagement konnten wir aber wieder alle Stellen im Kanton besetzen."

Das geht doch so nicht! Da ich nicht (nur) als Stänkerer bekannt bin, der keine Lösungen bereit hält, sage ich halt wiederum, was ich denke:
  • Der Lehrerinnen- und Lehrerberuf ist ein äusserst schöner Beruf.
  • Die pädagogischen Hochschulen sollten von den besten Maturandinnen und Maturanden besucht werden. Qualitativ darf es durch Kurzausbildungen keine Verschlechterung der Befähigungen von Lehrkräften geben.
  • Hierfür benötigt man attraktive Rahmenbedingungen, welche den Beruf für Maturandinnen und Maturanden, die sich in der Studienwahl befinden, aber auch für die bereits tätigen Lehrpersonen nachhaltig interessant gestaltet: 
    • flexible Einteilung der Arbeitszeiten (sprich Ferien (Erhaltensziel)), 
    • der Ausbildung und Qualifikation entsprechende (höhere) Entlöhnung, 
    • Ausfinanzierung der Bernischen Lehrerversicherungskasse (deren Verschulden wir Lehrkräfte nicht verschuldet haben / mein Solidaritätsbeitrag wird sich bis 2030 auf mehrere 10'000 Franken gehäuft haben!), 
    • interessante Fort- und Weiterbildungsangebote der PHs. 
Schnellbleichen für Lehrkräfte mögen nun aus Sicht der Politik für kurze Zeit den LehrerInnenmangel zu verhindern wissen. Ich hoffe einfach, dass sich werder die Neuquereinsteigenden, noch die verantwortlichen PolitikerInnen den Beruf als zu simpel oder einfach vorstellen. Sonst werden aus den schnell gebleichten LehrerInnen, schnell sehr bleiche LehrerInnen...

Kommentare:

uertner hat gesagt…

Sehr, schön, gut gebrüllt, Reto.

Reto M. hat gesagt…

Groarrrr....

Merci. Uertner.