Montag, 24. August 2009

(aus)MERZ(en)

Es mutet schon komisch an, dass irgendein durchgeknallter Staatschef eines korrupten und bisweilen terroristischen (siehe Pan-Am Anschlag in Lockerbie) Wüstenstaats einfach mal so, weil man den geliebten Sohn kurzzeitig bei der Genfer Polizei befragte und festhielt, zwei Staatsbürger eines Landes während über eines Jahres als Geiseln festhalten kann und sich die internationale Gemeinschaft scheinbar (offensichtlich) nicht darum kümmert.
Es mutet noch eigenartiger an, dass ein Bundespräsident offenbar getrieben von einer inneren "Was-Bill-Clinton-in-Nordkorea-kann,-kann-ich-schon-lange"-Manie, praktisch auf eigene Faust, mit einem Vertrag in der Tasche und einer Absicht im Kopf, die er gemäss Sonntagspresse beide nicht vorher dem Gesamtbundesrat darlegen konnte, aus Angst es komme dann in den Medien, in dieses Lybien reist, um dort den Bückling zu machen und (eben nicht wie Bill Clinton in Nordkorea) am Ende aber ohne Treffen mit dem Staatschef, ohne die Geiseln, mit leeren Händen und blankem internationalen Hohn wieder zurück zu kehren.

Ziel verfehlt. Sowohl in Absicht und Wirkung hat Lybien nun alles erreicht, was es wollte. Die Schweiz hat sich entschuldigt, wobei ich mich frage, wofür sich die rechtsstaatliche Schweiz denn in diesem Fall zu entschuldigen hat? Scheinbar hat Bundesrat Merz gar einer Schiedsverhandlung in London zugestimmt, doch wozu eigentlich, wenn unsere Gesetze so klar sind, wie sie mir meist scheinen?

Was genau uns Bundesrat Merz eingebrockt hat, wird sich noch weisen. Klar scheint auf alle Fälle, dass es in diesem Moment viel auszumerzen gibt. Ob dies ohne bundesrätliche Bauernopfern - sprich die Rücktritte von Merz und eventuell auch Calmy-Ray - gehen wird, kann und will ich nicht abschätzen. Das unüberlegt anmutende und stürmisch egoistische Verhalten, das Merz in diesem Geschäft an den Tag legte, bedroht aber vor allem eins: Die internationale Glaubwürdigkeit und Rolle der Schweiz auch als Sitz der Internationalität.

Eine Kurzform dieses Schreibens finden Sie als Zeichnung auf dem Wahlkampfblog.

Kommentare:

hansruedi hat gesagt…

shame, die Wortwahl ist mehr als degoutant.

hansruedi

odin hat gesagt…

Eine Schande für die Schweiz!

Die beiden Schweizer, die nun demnächst freikommen sollen, hatten nichts, aber auch gar nichts mit der Verhaftung von Gaddafis Sohn am Hut! Ähnlich wie beim bulgarischen Spitalpersonal das als Sündenbock dienen musste für Gaddafis verletzte Ehre. Man muss klar betonen das es hier um Geiselnahme ging! Die Schweiz aber lies sich hier gnadenlos erpressen! Es ist schon ein Armutszeugnis, wenn sich ein demokratischer Rechtsstaat wie die Schweiz, sich einfach so von einem terroristischen Wüstenstaat erpressen lässt! Bundesrat Merz hat auch hier wieder so ziemlich alles falsch gemacht was man falsch machen kann. Es stimmt mich nicht gerade zuversichtlich wenn die Schweiz sich andauernd erpressen lässt! Mit solchen Gesten schafft man gefährliche Präzedenzfälle für andere Halunken! Aber seit der Beseitigung des Bankgeheimnisses kommt jeder auf den Geschmack uns zu demontieren. Schon seit Blochers Abwahl hat sich dieser Trend verstärkt. Die Schweiz hat wahrlich eine bessere und selbstbewusstere Landesregierung verdient!

P.S. Das die Polizei Despotensöhne nicht besser behandeln soll als andere ” Verdächtige ” muss wohl auch noch extra erwähnt werden

Urs Zurlinden hat gesagt…

Reto, hier ist Dir wohl die Lust an Sprachschöpfungen entglitten.
Schau mal bei politnetz.ch nach. Dort finden seit anfangs Monat spannende Politdispute statt.

Reto M. hat gesagt…

@ Hansruedi und Urs:

Mag sein. Ich gebe euch absolut recht. Degoutant. Inhalt oder Absicht?
Denn dieses Blog hat nicht durchwegs zu gefallen, ist nicht geschliffen, ist authentisch, hat Ecken und Kanten, wird deshalb gelesen, mal mit Zustimmung, mal mit empörender Zurückweisung, dadurch diskutiert und doch auch - trotz allem - immer wieder für versteckte Werbung benutzt, um die eigenen Leserzahlen seiner Netzprojekte zu steigern...

so läuft das heute. Ihr müsst mir nicht in allem zustimmen. Weder, was ich vorgestern über diesen libyschen Skandal, noch heute in meinen Kommentaren schreibe, aber genau in dieser Differenz liegt die Würze des menschlichen Zusammenlebens und Politisierens.

Michael hat gesagt…

Wenn Bundesrat Merz mit den beiden Geiseln im Flieger angekommen wäre, würde man sich gar nicht aufregen. Wenn Sie nächste Woche kommen, ist die Sache schnell vergessen. Und wenn sie gar nicht kommen schicken wir Schwaller nach Tripolis und tanken nicht mehr bei Tamoil.

PS: Das kleine Wortspiel liegt ja nahe, ist aber tatsächlich grenzwertig.

Reto M. hat gesagt…

@ Michael:
Ich stimme inhaltlich zu. Die Frage nach der Zielführung bleibt in diese Sache äusserst wichtig. Dementsprechend klug hat sich die APK verhalten.
Natürlich hat der Werte Herr Bundesrat einen Namen der zu Wortspielereien sondergleichen verführen. Mehr SchMERZ als...
aber angesichts des lokalpolitischen Aufruhrs meiner Titelzeile und meines eigenen für solche Spässe gut geeigneten Namens, verzichte ich auf eine Weiterführung. Danke.

odin hat gesagt…

@ Michael

Zitat " Wenn Sie nächste Woche kommen, ist die Sache schnell vergessen ".

Das ist schon eine etwas naive Sichtweise die Sie hier an den Tag legen. Egal wann die Männer nun heimkommen, ein äusserst schaler Nachgeschmack wird bleiben. Das ändert nichts an der Tatsache das sich die Schweiz von einem Despotenstaat erpressen lies!!

Und stellen Sie sich einmal vor, was für Zeichen bei anderen Diktatoren damit ausgestrahlt werden, wenn sich die Schweiz so leicht einnullen lässt! Dann können wir noch mehr damit rechnen, das unschuldige Schweizer als Faustpfand zurückgehalten werden, wenn sich eine Halunke in seiner Ehre gekränkt fühlt. Da spielt es dann absolut keine Rolle das die Schweiz im Recht ist und die Geiseln unschuldig sind.

Ähnliche Fälle gibt es ja aus den 80er und 90er Jahren, wo willkürlich deutsche Staatsbürger im Iran als Faustpfand für politische Forderungen und aus Rachegelüsten zurückgehalten wurden. Die Deutschen liesen sich aber dadurch nicht erpressen. Auch nicht in den 70er Jahren als Terroristen den deutschen Staat erpressten. Eine Geislnahme ist natürlich eine ungheure phsychische Belastung. Aber der Staat verliert oftmals mehr wen er sich diesen Spielchen hingibt. Der Weg des geringsten Widerstandes ist halt immer der einfachste, aber nicht immer der beste und nachhaltigste Weg! Schlussendlich geht es auch um das Gemeinwohl und die Sicherheit vieler Schweizer und weniger um das Schicksal zweier Menschen. Ein Staat ist zu dieser Abwägung verpflichtet, so pervers dies auch klingen mag. Es macht dann keinen Sinn, wenn nun andere Halunken ermutigt werden durch diese Erpressung Schweizer zu kidnappen. Außerdem soll für Risikoländer wie Libyen eine Reiseversicherung abgeschlossen werden müssen, wobei bei einer Geiselnahme der Schweizer Staat nicht mehr automatisch zu intervenieren hat, aus eben diesen Erpressungs Motiven der Libyer.