Freitag, 19. Juni 2009

Das Jucken in den Soldatenbacken

Ja. Es juckt mich manchmal doch noch in den Soldatenbacken. Nicht nur, weil sie vor lauter auf der Wache sitzen (vorhin auch wieder bis 2 Uhr) wund geworden wären, sondern auch, weil ich, wenn ich sehe, dass etwas in den Sand läuft, wobei viel Optimierungsbedarf und obwohl Potenzial vorhanden wäre, einfach meinen Mund nicht halten kann und es mich echt "vom Stüehli lüpft":

"Das geht so nicht."; "Das müsst ihr so machen."; "Ihr müsst besser kommunizieren."; "Ihr müsst motivieren und die Truppe auch mal loben."; "Einige der Jungs haben sich wirklich den A... aufgerissen und das ist euer Dank?."

Dass solche Botschaften von einem einfachen Soldaten gegen "oben" nicht immer sehr positiv verstanden und angenommen werden, kann ich durchaus verstehen, obwohl sie auch im Nachhinein etwas objektiver betrachtet, manchmal gar nicht aller Grundlagen oder Berechtigungen entbehren würden.

Ein AdA der Kompanie sagte schon vor Jahren: "Der Geist ist aus der Flasche entwichen." Er meinte damit nicht die Klosterfrau aus dem Melissengeist oder sonstig Alkoholisches, sondern der Korpsgeist aus der Kompanie. Ja. Früher war's easy oder easier. Heute nicht mehr. Gründe dafür sind, dass immer mehr Übungen à la Rekrutenschule in die Wiederholungskurse eingebaut wurden. In der Soldatensprache kann man sagen, dass der "Fick" von oben für alle in der Kompanie von Jahr zu Jahr zunimmt. Das spüren auch alle vom Soldaten bis zum Kadi und dies wiederum hat verschiedene Auswirkungen:

- Der Dienst ist nicht mehr so légère wie früher. (Das ist wohl von oben auf dem Weg zur besten Armee der Welt so gewollt....)
- Das ständige Üben und Beüben der AdAs und die stetig oder oft negativen Rückmeldungen schlagen enorm auf die Moral, bzw. den Truppengeist.

Was nun wirklich evaluativ oder als Summe für den Kernauftrag unserer Truppe besser wäre: a) die Schraube mit Füselzeugs und Hosengummis anzuziehen oder b) der Truppe den Einsatz im Kerngebiet durch theoretische Schulungen schmackhaft(er) und besser zu machen, was die WKs physischer wieder einfacher machen würde, wage ich nicht zu beurteilen.
"Kein Problem meiner Stufe...".

Auf Grund des Drucks auf das Kader, einerseits sämtliche Vorgaben der Vorgesetzten einzuhalten, andererseits die Truppe "bei Laune zu halten" - ein unmöglicher Spagat im Moment -, entstehen rasch und da eben nicht immer ganz lückenlos und klar informiert wird (oder werden kann) Diskussionen, Gerüchte, Fantasien und gleichzeitig ein grosses Streitpotenzial zwischen direkt führendem Kader und der Soldaterie. Und in all dem, dass ich als bald Aussenstehender hier in diesem Mikrokosmos menschlichen Zusammenlebens beobachte, frage ich mich einfach, ob es denn nicht möglich wäre, den Truppengeist zu finden und zu behalten, indem man trotz der Zunahme an grünem Ausbildungsteil mehr Verantwortung und Vertrauen nach unten delegiert und mehr versucht, die Truppe in die Aufträge einzubinden, anstatt sie als Gegner oder Widerstand der Aufträge anzusehen. Nein, demokratisch geht das im Militär natürlich nicht ganz, aber vielleicht doch mehr autokratisch?

Ich weiss, dass das vielleicht ein ewiger Wunsch des langsam Abtretenden bleibt und ich mir bei allen gut gemeinten Vorschlägen - die aus besagten Gründen nicht immer so gut ankommen, wie sie meinerseits gemeint sind - auch vorhalten lassen muss, dass ich ja auch hätte weitermachen können, wenn mir das so wichtig erscheint.

Ich weiss auch, dass es für die Kader halt nicht einfach ist mit gewissen "Nücheln", welche sich im Militär derart vor der Übernahme von Arbeit zu drücken verstehen, dass man kaum glaubt, dass sie sich im Privatleben selbständig ernähren können. Oder dass es Leute gibt, die nicht glauben wollen, dass der Befehl, dass sie das Duschzeugs im Rucksack mittragen sollten, wirklich durchdacht ist, sondern es als bessere Idee befinden, wenn sie die 200 Gramm Shampoo im Schlafsack eingewickelt per Duro transportieren lassen, der Schlafsack dann aber nicht in die Dusche geliefert wird - verständlicherweise, was den Soldaten ohne Duschzeugs dort über das Kader und die Scheissübung fluchend stehen lässt. Und dass es Nervensägen gibt, die immer alles besser wissen und dann gar noch darüber schreiben...

Und so schreibe ich doch und obwohl ich weiss, dass ich keine Wirkung habe und das keinen Einfluss haben wird: Mehr miteinander, offener und klarer kommunizieren und auch mal zusammen feiern, dann bleibt der Stress für Kader und Soldaten bestimmt kleiner und die Stimmung besser. Im Moment sind alle auch einfach ziemlich auf dem "Hund". Denn: Liebe Abteilung: Das war zuviel. Ihr habt über das Ziel hinaus geschossen und damit - aus meiner Sicht - die Falschen getroffen. Trotz der besagten speziellen Situation, dass ich als Soldat in bestimmten Situationen auch als "Angehöriger" eines Kaders gelte, bin ich auch als einfacher soldatischer Wachender aber zuversichtlich, dass sich das alles in den kommenden Wochen einrenkt. Habt ein wenig Nachsicht, viel Verständnis und umso mehr kollegiale Fürsorge füreinander.

Euer alter, ehemaliger Nachrichten-, abtretender, abgekämpfter Sicherheits-, Bürohhh...elfer-, Wach-, geliebter Soldat Reto M.

Wer's kolumnenartig mag, klickt jetzt zu ihr rüber.

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