Samstag, 9. Mai 2009

Web2.0 in der Schule

Was, das auch noch? Dies liess auf alle Fälle die Einladung der heutigen Tagung der ICT-Verantwortlichen im Kanton Bern vermuten. Jetzt will man die Schülerinnen und Schüler auch noch dazu verdammen, einen Blog zu schreiben, was ja bereits gewisse Lehrer tun.... von denen aber hier niemand sprechen will.

Ich bin in der Haltung eher kritisch, wenn es um den Einsatz neuer Medien in den Schulen geht und das aus diversen Gründen und gar nicht, weil ich technologiefeindlich gesinnt wäre, ich denke, das widerlegen meine eigenen Webaktivitäten relativ deutlich.

Meine Haltung ist dadurch geprägt, dass ich finde, Kinder und Jugendliche machen besser draussen Sport, als drinnen Nintendo Wii, treffen sich besser draussen mit Kolleginnen und Kollegen, anstelle drinnen in Social Communities wie Facebook und Chats ihre Kontakte zu pflegen, zumal ich beim Thema Internet und Schule immer wieder auf (insbesondere ältere) Lehrerkollegen und -innen treffe, welche fasziniert von den Computeraktivitäten ihrer Schülerinnen und Schüler erzählen und wie toll das nun doch mit diesen Computern sei und ich dann feststelle, dass seine Lernenden in den grundsätzlichen Fertigkeiten einfach einen Aufsatz geschrieben haben, halt in 3 Lektionen, wozu sie in schöner Handschrift nur 1 Lektion gebraucht hätten.

Doch. Trotz meiner Kritik, wir (Lehrkräfte) können uns der Zukunft nicht verschliessen und der Umgang mit den medialen Mitteln und den dafür erforderlichen Fähigkeiten und Fertigkeiten muss auch künftig in der Schule gelehrt werden.
Die Schülerinnen und Schüler sind sowieso und so wie wir auch, auf MSN, Facebook, Netlog oder in Blogs tätig. Ich fragte mich an der heutigen Tagung, die ich als ICT-Verantwortlicher unserer Schule besuchte, bloss ob denn die Schule diese Verhalten noch fördern sollte, wenn jeweils (extreme) Heavy-User die Vorteile besagter Instrumente für den Unterricht predigten.

Wenn man bedenkt, dass die Schülerinnen und Schüler zwar gut im Chatten, im Twittern, im Facebooken, im Bloggen sind, was alles auch sehr gut autodidaktisch erlernt werden kann, aber keine Ahnung haben, wie man PowerPoint, Excel oder auch schon nur Word (alles auch in Open-Anwendungen möglich ;-)) nutzt, ergibt sich für mich ein klarer Schwerpunkt, der halt eher noch in Richtung klassischer Anwendung der ICT geht, nebst dem Auftrag, dass neu sowohl die Informationen- und Medienverarbeitung in web 1.0, wie auch in web 2.0 Applikationen gefördert werden müssen. Wikipedia und Google sind überall, ob dies gut oder schlecht ist, sei dahin gestellt, dies kann auch zum Nutzen der Schule eingesetzt werden.

Wiederum musste ich heute vor allem eines aus dem Kurs mitnehmen: Der Kanton Solothurn ist uns in Sachen ICT und Schule immer einen Schritt voraus. Ab der dritten Klasse wird dort neu in einer zusätzlichen Lektion ab Sommer Medienbildung als separates Fach unterrichtet. Pro PC in einem Schulhaus werden 10 Stunden pädagogischer Support einberechnet. Maximal 5 Kinder einer Schule teilen sich einen PC. Pro 100% angestellter Lehrkraft gibt's für Besagte einen eigenen Laptop zur Verfügung gestellt. Das sind Verhältnisse von denen wir Berner ICT-Vs nur zu träumen wagten. Aber wir haben's nun mal vom Kanton Solothurn vorgemacht erhalten und hoffen, dass der Kanton Bern in dieser Sache dem Nachbarn in nichts nachstehen möchte.

P.s.: Eine Episode am Rande: Eine Kollegin aus Langenthal meinte zu Beginn der Workshops trocken: Du bloggst ja schon, was machst du bloss im Kurs: "Web 2.0 im Unterricht"?
Die Antwort ist eben wegen all dem. Wenn man was selber tut, ist es deshalb noch lange nicht erwiesen, dass es auch gut für die Kinderlis ist.

Kommentare:

hansruedi hat gesagt…

Aeh, ah, oh, das ist doch alles Quatsch. Jeder Schüler sollte einen Laptop haben genau wie jeder Schüler ein eigenes Rechenbuch oder eine eigene Füllfeder hat. Am besten man gibt den Jugendlichen einen relativ "schwachen" Rechner mit Linux oder BSD, auf diesen Geräten gibt es weniger aktuelle Spiele, ausserdem sind sie meist preiswerter.

hansruedi

Reto M. hat gesagt…

@ Hansruedi:

Bei den heutigen CHF 400.-- Laptops kann man sich das durchaus überlegen, aber:

1 - es gibt Eltern, die da was dagegen hätten. Und zwar ziemlich, da helfe ich wetten.
2 - es gibt Gemeinden, die das nicht bezahlen wollen, denn sie müssten es, ausser man übergibt einen Teil des Beitrages an die Eltern, was das Problem mit Punkt 1 aber nur verschärft.
3 - es gibt nach wie vor Lehrer und -innen, die absolut keine Ahnung von PCs haben. Erschreckend, aber wahr.

Übrigens. Die Umfrage 2008 im Kanton Bern hat gezeigt, dass von 250 Schulen 1 einzige mit Linux arbeitet... ;-)
Alles andere ist Windows und Mac.

hansruedi hat gesagt…

einen Schüllertauglichen Laptop sollte der Staat für max 250 Franken bekommen.

zu den Eltern, es soll auch welche geben die was gegen die Evolutionstheorie haben oder gegen den Schwimmenunterricht. Bereits heute haben doch 95% der Bevölkerung dutzende von Computern in ihrem Besitz, sehr viele davon sogar mit linux.

In der heutigen Zeit zu glauben, man komme in 5 oder 10 Jahren ausserhalb der Amischen Kultur noch ohne Computerkenntnisse durch die Welt, halte ich für naiv. Nur schon das kaufen einer Briefmarke am Automaten wird diese Kenntnisse verlangen.

Zu den Lehrern die heute keine Computerkentnisse haben, kann ich nur den Kopf schütteln. Genau so gut könnte sich ein Lehrer doch auch der Elektrizität oder dem Telephonieren verschliessen. Ein Lehrer braucht kein Computerfreak zu sein oder gar zu Bloggen, aber zu Zeiten in der sogar die Müllabfuhr digitalisiert wird, ist das sich verschliessen von Lehreren gegenüber einfachen allgegenwärtigen Alltagsfähigkeiten einfach nur arrogant.

hansruedi

David hat gesagt…

Ich denke auch, dass Kinder oder zumindest Jugendliche, und zwar alle, lernen sollten mit Computern und insbesondere mit dem Internet umzugehen. So wie sie lernen, Bücher zu lesen und Aufsätze zu schreiben. Die Programme zu bedienen lernen sie alleine, wenn man ihnen ein Gerät zur Verfügung stellt und sie machen lässt. Das Internet hingegen verstehe ich als eine Kulturtechnik, die wir alle gerade am lernen sind. Eine gewisse Begleitung dabei würde nicht schaden.

Wie wäre es zum Beispiel, wenn eine deutschschweizer und eine welsche Klasse ein gemeinsames Blog führen würden? Oder wenn statt an einem Vortrag gemeinsam an einem kleinen Wiki zu einem bestimmten Thema gearbeitet würde? Oder als kleines Experiment ein Wikipediaartikel gefälscht werden würde und dann geschaut, welche Zeitung die Falschinformation abschreibt?

Ich sehe die Aufgabe der Schule eher dort, bei den Möglichkeiten und Risiken, die sich in dieser neuen Welt auftun.

Reto M. hat gesagt…

@ Hansruedi:
Du hast meine Hinweise verstanden. Ich bin auch nicht für religiösen Fundamentalismus, aber diese Menschen gibt es und die Möglichkeiten der Schule einen Zwang auszuüben, wären eigentlich relativ beschränkt, da es den Eltern überlassen ist, wie sie ihr Kind zu erziehen haben. Eigentlich... die Realität weicht da meist bereits ein wenig ab...
Die Diskussion über die Evolutionstheorie ist da nur die Spitze des Eisberges. Überdies sowieso eine unsinnige Sache aus meiner Sicht zwischen Wissenschaft und Religion wertend vergleichen zu wollen. Aber strenge, religiöse Gruppen wollen kein Internet, auch wenn es heute gang und gäbe ist. Die Prozentzahl würde ich aber höchstens bei 1 Prozent fest machen.

Das Problem des staatlichen Laptops ist noch Folgendes: Wir kriegen ja nicht mal ein einheitliches Schulsystem mit Harmos auf den Schlitten, das nur wenige Punkte regelt und vereinheitlicht, wie sollte der Bund es dann schaffen, für alle Kantone einen Laptop zu organisieren. Auch wenn das äusserst sinnvoll wäre. Was die Infrastruktur anbelangt, so schiebt der Kanton die Verantwortung gänzlich auf die Gemeinde, die für solche Kosten zuständig sind. Das bedeutet die Gemeinden müssten den Laptop anschaffen, was die Koordination nicht gerade vereinfacht.
Für Langenthal könnte ich mir aber vorstellen, dass ich den Vorstoss mache, alle Schüler ab der 5. Klasse erhalten für die Nutzung während der kommenden 5 Jahre einen Laptop. (Dann stimmt's auch mit der Nutzungsdauer überein.) Visionär stimmt das für mich 100%. Realistischerweise ist es aber ein Rattenschwanz ohne gleichen, was zum Beispiel die Kosten anbelangt. Bräuchte es in der Bildung nicht dringendere Dinge?

@ David:
Dass es eine Medienbildung braucht - eine intensivere - daran zweifle ich keine Minute. Ich gehe auch mit dir betreffend des Erlernens einig, dass wir Internetkultur vermitteln sollten.
An 1. Stelle steht für mich aber nach wie vor, dass wir dies aufbauend tun und hierbei die Heterogenität der Kinder nicht ausser acht lassen. Wer auf einem Blatt den Text nicht versteht, versteht ihn auch im Internet nicht. Dies als kleines Beispiel für mögliche Schwierigkeiten.

hansruedi hat gesagt…

ich erwarte eigentlich von Langenthal das Langenthal nicht auf den Kanton wartet und schon gar nicht auf Harmos oder sonstwas. Ich möchte das jedes Schulkind in Langenthal alle drei Jahre kostenlos einen Laptop erhält, (meinetwegen auf der Basis von OLPC). http://wiki.laptop.org/go/Lernvision

Wenn dann die IBL noch ein öffentliches Schulnetz erstellt, das sollte recht kostengünstig möglich sein Kabelnetz und Lichtmasten sind Flächenddeckend vorhanden, dann bin ich für einmal für eine halbe Stunde mit den Politikern zufrieden. :-)
Die Kosten sollten sich auch in Grenzen halten, ich schätze mit 300 wohl eher 200 Fr. pro Jahr und Schüler sollte man auskommen.

Die Schule soll aber keinen Informatikuntericht machen, allenfalls ein paar einzelne Einführungslektionen. Die Schule soll Zeitgemässen Unterricht anbieten, mit den Zeitgemässen Mitteln arbeiten und die Schüler auf das "normale Durchschnitt (Langenthaler)" Leben vorbereiten. Ob dann die Klassen in einer Projektwoche das eine oder das andere Informatikprojekt verwirklichen ist dann auch eher Nebensache.

hansruedi

David hat gesagt…

@Reto M.: Schön. Absolut einverstanden. :-)

Reto M. hat gesagt…

@ Hansruedi:

Ich habe mich gestern nach dem neuen ICT-Modell Langenthals erkundigt. Da tut sich im Moment bereits recht viel. Bis im Sommer etwas zu postulieren wäre nicht angezeigt, aber schauen wir mal, was da Neues auf Langenthal betreffend Struktur und insbesondere Infrastruktur zukommt. So weit, wie deine Wünsche geht der Plan natürlich (noch) nicht.

Anonym hat gesagt…
Der Kommentar wurde von einem Blog-Administrator entfernt.
hansruedi hat gesagt…

warum tut sich die Schule immer so schwer den wandel der Gesellschaft mitzumachen? Ich habe es erlebt als die Schreibtafel durch Papier ersetzt wurde, die Logarithmentafel durch den Taschenrechner und jetzt Atlas, Brockhaus und Schreibmaschine durch den Computer. Jedesmal geht das Abendland unter. Und jedesmal wird darüber debattiert ob man den Frontalunterricht durch das neue Medium ersetzen kann. Dabei ist doch die neue Technik jeweils nur eine neue Möglichkeit. Keiner wird heute bestreiten das ein Schreibheft besser ist als eine Wachstafel, ganz einfach weil man auch nach einer Woche nochmals zurückblättern kann und sich das damals geschriebene ansehen kann.
In 20 oder 50 Jahren werden die Menschen auch nicht mehr verstehen dass man über die Einführung von Computern an der Schule streiten konnte.

hansruedi

Reto M. hat gesagt…

@ Anonym:
Deine Aussage wurde gelöscht. Derartige Aussagen mit Namensnennung von Leher-Kollegen oder Kolleginnen lasse ich hier nicht zu. Über mich kann und darf gesagt werden, wonach es gelüstet, aber zieht nicht andere mit in dieses Ding hier.

@ Hansruedi:
Es gibt keinen Streitpunkt. Computer sind in der heutigen Schule längst Standard. Höchstens über die Menge wird gestritten und wer diese Menge zu bezahlen hat.