Dienstag, 17. März 2009

Wie schützt man Leben?

Nach schicksalshaften Ereignissen schreit die Politik oft laut auf, bemüht sich um Vorstösse mit zahlreichen Massnahmen auf x-Ebenen und Monate danach, wenn diese dann endlich in den Parlamenten besprochen werden, ist man vielerorts meist wieder zum "Courant normale" übergegangen und lebt mit gewissen Risiken, da das Leben - ob man es will oder nicht - immer lebensgefährlich ist.
Natürlich soll die Politik, das Recht und die Gesellschaft dafür besorgt sein, dass die Schwachen möglichst gut geschützt sind. Dass Fälle in der Art des Amoklaufs von Winnenden oder Rück- und Neufälle von Straftätern verhindert werden, doch sind dieser Prävention auch Grenzen gesetzt, da sie sonst die Freiheit des einzelnen Individuums allzu stark einschränken.

In dieser Richtung wurde gestern auf Grund zweier Vorstösse eines Mitglieds in unserer Fraktion auch lange debattiert. Was kann man zum Schutz schwächerer Verkehrsteilnehmer tun und wo überschreitet man die Grenzen der Verhältnismässigkeit zwischen Schutz und Freiheit?

Schwierig zu beantworten, da es betreffend der Lebensphilosophien hier ganz verschiedene Auffassungen gibt. Manchmal geht mir persönlich der Sicherheitswahn heute auch einfach zu weit, da ich manchmal das Gefühl habe, man wolle die Gesellschaft zwanghaft praktisch phobisch durch Entzug von Freiheit vom Sterben abhalten. Was für ein kümmerliches Leben, da noch möglich wäre, lässt sich nur erahnen. Ein Leben im golden Käfig mit Gummistäben.
Da wurde in Deutschland nach dem Amoklauf von politischer Seite gar eingeworfen, ob Lehrkräfte eine Sicherheitszulage bräuchten. Wenn schon: Wir bräuchten mehr Jugendsozialarbeit und nicht mehr Sicherheit(szulage).



Auf der anderen Seite wurde ich heute von meinen Schülern auf ein Spiel aufmerksam gemacht, das im Internet frei - ohne Altersbeschränkung - mit Download zugänglich sei und in dem man in Fantasywelten, mit Fantasyfiguren ziemliche (amoke) Metzeleien veranstalten kann. www.4story.de Irgendwie habe die Fernsehsendung Galileo dies als eine mögliche Verstärkung für Amokfantasien bewertet und scheinbar sei es so, dass an unserer Schule zahlreiche Kinder damit spielen würden. Ich find's einfach nur dämlich und frage mich nach der Motivation der Firma, welche dieses Spiel gratis und ohne FSK zur Verfügung stellt. Auch hier kommt mein Aufruf an die politischen Behörden, die Seite aus dem Web zu löschen, da ich sie für vollkommen sinnlos halte. Ich habe sie nun zumindest schulintern auf unserem Router gesperrt. Ja. Ich schränke die Freiheit ein. Zum Schutz der Schüler. Gewiss auch heikel, da dies nach meinem eigenen Gutdünken geschah.
Auf der anderen Seite sind wiederum die Eltern in die Pflicht genommen, ihre Kinder nicht nur in der realen, sondern auch in der virtuellen Welt zu begleiten. Nach wie vor empfinde ich dies als den besten Schutz überhaupt.

Kommentare:

hansruedi hat gesagt…

Politikergeschwätz eben, ja im ernst, wenn Politiker bemerken, dass die Kosten für Sportunfälle zu stark anwachsen, werden sie als erstes die Integralhelmtragpflicht für Schachspieler gesetzlich verankern.

hansruedi

Reto M. hat gesagt…

Ich weiss nicht warum, aber beim Wort Politiker fühle ich mich zwangsläufig immer angesprochen...

muss wohl eine Krankheit sein...

vielleicht vergeht's zusammen mit den Baumpollen auch wieder und taucht erst bei den Gräserpollen wieder auf. ;-)

Es sähe auf alle Fälle gut aus mit den Schachspielern, wie du dir das vorstellst.

Geboxt wird künftig zudem nur noch via Nintendo Wii.

hansruedi hat gesagt…

ich kann es ja noch ein wenig plakativer sagen, ich fordere Pornos im Nachmittagsprogramm, dafür Krimis und Nachrichten nur noch im Pay-TV.
Natürlich tragen die Medien eine erhebliche Mitschuld an unserer momentanen verluderung der Sitten und der Moral, aber es sind die Medien welchen wir nicht ausweichen können die die Hauptschuld tragen, zum Computerspielen wird niemand gezwungen, aber versuche mal der Tagesschau oder den Tageszeitungen auszuweichen. Wenn der Name und das Bild eines 16 jährigen Mordopfers Tagelang durch die Medien geschändet wird, ist es mehr als fadenscheinig sich über Ballerspiele aufzuregen.

Hansruedi

David hat gesagt…

"Auf der anderen Seite sind wiederum die Eltern in die Pflicht genommen, ihre Kinder nicht nur in der realen, sondern auch in der virtuellen Welt zu begleiten. Nach wie vor empfinde ich dies als den besten Schutz überhaupt."

Ja genau. Und begleiten heisst, wirklich darüber reden und herausfinden, was da mit einem geschieht. Das betrifft sowohl Games wie Tagesschau-News und Pornos (denen die Kids ja auch kaum mehr ausweichen können). Wenn die Eindrücke wirklich verarbeitet und reflektiert werden, können Kinder sehr wohl mit Sex- und Gewaltszenen umgehen. Das Zauberwort heisst nicht "Verbot", sondern "Aufklärung".

Titus hat gesagt…

Die "Verluderung von Sitte und Moral", wie Du das nennst, Hansruedi, tritt nicht dadurch ein, dass darüber berichtet wird. Das dürfen und sollen wir sehen, es widerspiegelt die "harte Realität".

Die Verluderung orte ich vielmehr da, WAS und WIE über etwas berichtet wird. Was wird uns allenfalls vorenthalten, was wird beschönigt oder dramatisiert, wie wird es gezeigt/aufgemacht/dargestellt?

Und vor allem sehe ich da eine Degradierung, wo nicht wirklich zum Kern der Sache vorgestossen, sondern nur etwas an der Oberfläche gekratzt wird. Ein typisches Beispiel dafür sind die zwei, vielleicht drei Fragen an einen "Experten" in Tagesschau oder 10vor10...

Denn auch wir Erwachsene brauchen die von David angesprochene Begleitung und Aufklärung. Bekommen wir diese nicht, schalten wir zum Selbstschutz auf "Durchzug": Beim einen Ohr rein, beim andern wieder raus. Das Schicksal der Betroffenen interessiert uns eine Minute später bereits nicht mehr.

Wie schützt man Leben, fragt Reto. Ich würde sagen, indem man Leben - und damit die Menschen, Tiere und Pflanzen - respektiert. Nur, Reto, Respekt lernt man in keinem Schulfach. Einige lernen es auch zu Hause nicht, sodass auch die Eltern keine Respektspersonen mehr sind. Wenn wir nicht wieder in eine Zeit verfallen wollen, wo Respekt nur dem Stärkeren gebührt (Faustrecht), täten wir gut daran, diese Tugend zuoberst auf die Prioritätenliste zu setzen.

Wenn man allerdings sieht, wie respektlos schon auf dem nationalen Polit-Parkett miteinander umgegangen wird, dürfte mein Anliegen wohl nur ein Traum bleiben... :-(