Donnerstag, 5. März 2009

Glatzentheater gegen Punkmarionetten

Ich wollte das Thema zuerst nicht bringen. Nein, nicht das Osi/Villiger - "jetzt machen wir alles besser, als damals bei der Swissair" - Duo. Es liegt mir auf dem Magen, da diese Thematik bei uns in Langenthal schon seit Jahren gärt. Die Burgdorfer PNOS'en-Demo.

Da fragt sich doch allen Ernstes ein Redaktor ohnmächtig bei der Berner Zeitung, während einer ganzen Kolumne lang, warum und wieso es nun zu dieser ungemütlichen Situation gekommen sei, die da am nächsten Wochenende betreffend der PNOS-"nun-nur-noch-Platzkundgebungs"-Demo entstanden ist. Die Begründung wird einerseits richtigerweise darin gefunden, dass hier extremistische Gruppierungen (von links und rechts) mit den demokratischen Grundgesetzen Katz und Maus spielen, indem sie daraus nur Teile, die ihnen passen, akzeptieren und respektieren wollen. Die PNOS beruft sich zum Beispiel auf die Versammlungs- und Meinungsfreiheit, missachtet aber in ihren Forderungen, die sie am Sonntag und auch sonst kundtun wollen, mehrfach Menschenrechte erwiesenermassen auch durch die zahlreichen Verletzungen des Anti-Rassismusgesetzes belegt, welche gehäuft zu Verurteilungen innerhalb der PNOS-Aktivisten führte und dann irrsinnigerweise als Grund für die Bewilligung der "Demo" aufgeführt wird... verkehrte Welt. Die Linksautonomen ihrerseits werden wohl eine unbewilligte Gegendemo abhalten und wissentlich nicht vor Gewalt zurückschrecken, falls es zur Konfrontation mit den PNOS kommen sollte. Was die Polizei nun tunlichst zu vermeiden hat - indem sie mit einem massiven Aufgebot die Gruppen voneinander fern hält, was schlussendlich vor allem eines bedeutet: massive Kosten für die Steuerzahlenden.

Auf der anderen Seite, auf der Frage nach der Ohnmacht und warum es so ein grosses Ding wurde, das Burgdorf nun am Sonntag bevorsteht, nimmt sich die BZ selbst zu sehr aus dem Schussfeld raus. Man kann - Naivitäten mal weggenommen - nicht am Samstag eine Seite seiner Zeitung mit einem riesigen Bericht füllen, wie schlimm es laut aller StadtpolitikerInnen mit dieser Demo sei, darin schreiben, die Gruppen dürften nicht über Internet mobilisieren und sich dann wundern, dass nun enorm - über alle Kanäle inkl. Facebook, Internet, Pipapo - von links bis rechts am kommenden Sonntag nach Burgdorf mobilisiert wird, so dass schlussendlich gar der hier schreibende Blogger das Gefühl hat, sich dazu noch äussern zu müssen.

Die PNOS totschweigen ist nicht richtig, das stimmt schon. Die PNOS derart in die Zeitung zu heben, wird aber deren Bedeutung auch nicht gerecht. Die PNOS ist eine Randgruppe - um nicht zu sagen eine Gruppe derer, die sich am Rande der Gesellschaft bewegen. Gesamtschweizerisch ist sie politisch völlig unerheblich, was nicht heissen soll, dass wir hier im Mittelland (insbesondere im bekannten geographisch braunen Dreieck) nicht ein grosses Problem mit den Rechtsextremen hätten, welches es präventiv anzugehen gilt. Wichtiger als die Frage danach, wieso die PNOS hier entstand und warum sie heute gewählt wird, erscheint doch die Hauptfrage, warum überhaupt wird ein Jugendlicher oder eine Jugendliche (rechts)extrem? Wenn es uns gelingt, dass wir es gesellschaftlich so hinbekommen, diese Tendenzen oder Ursachen zu mindern, dann wird auch der Nährboden für extremistische Gruppierungen genommen. Antworten auf die Fragen, wieso, gibt die neueste Nationalfondsstudie: NFP 40+. Heute sind gewisse Organisationen erpicht darauf, gewissen suchenden Schülerinnen und Schüler zu geben, was diese verlangen: Geborgenheit, Schutz, Freundschaften, Anerkennung. Das spricht an und da nehmen einige gerne in Kauf dafür als Gegenleistung in Glatzen oder mit Schweizer Fahnen umherzugehen und sich Geschichten über eine bessere Heimat und Zukunft anzuhören.

Die PNOS bekämpfen wir nicht mit einer Gegendemo oder einem hysterischen Aufschreien in Zeitungen, sondern dadurch, dass wir die Lücken unserer sozialen Gesellschaft so schliessen, dass niemand das Gefühl in der Schweiz haben muss, dass ihm der andere etwas weg nimmt, was ihm nicht ehrlicherweise auch zusteht. Mit diesem Weltbild und auf diesem Hintergrund basierend verliert jegliche Rhetorik Rechtsextremer die Bedeutung und ist schliesslich nur noch eines: Lächerlich.

Kommentare:

daniel.steiner hat gesagt…

Wieso gibst du der PNOS auf dem eigenen Blog eine Plattform?

Wohlverstanden: ich will die PNOS nicht totschweigen, ihr aber auch nicht mehr Platz zugestehen als irgendwie nötig.

Als Reallehrer hast du täglich die Chance zu verhindern, dass einer deiner Schüler zur Glatze wird...

Reto M. hat gesagt…

Die erste Frage ist berechtigt. Die Antwort darauf soll auch die Erklärung liefern, weshalb ich mir das Spektakel am nächsten Sonntag nicht selbst ansehe, sondern auch meine Meinung zur Lösung des Problems darlegen.

Schlussendlicher Auslöser: Mich hat der Kommentar in der BZ einfach dermassen (sagen wir mal) bewegt, dass ich dieses Ventil hier nutzte.

I'm not perfect. Bezieht sich auch auf mein Lehrer-sein. ;-)

Genosse hat gesagt…

Nein, Retu muss das sein? Auch du schreibst wieder von extremistischen Gruppen von links und von rechts. Immer wieder wenn sich antifaschistische Kräfte den Neonazis und/oder Neofaschisten entgegenstellen, werden sie als "linksextrem" bezeichnet.
Was ist linksextrem?
Ist ein Demokrat der sich den Nazis entgegenstellt linksextrem? Der libertäre Sozialist? Der Kommunist? Der Anarchosyndikalist? Die kollektivistischen Anarchisten? Die Basisgewerkschaftler? usw. jeder ein linksextremer / linksautonomer Marionetten Punk?

Hast du die Studie gelesen? Die Neonazis sind nicht einfach Modernisierungsverlierer die Angst haben, dass man ihnen etwas wegnimmt. Auch sind es nicht einfach ein paar dumme Proleten.

Wir reden hier nicht von der rechten Skinheadszene, sondern von einer gut organisierten Partei - mit Leuten mit solider Bildung und ganz ohne Glatzen - welche in der Mitte der gesellschaft angekommen ist. Die ihren Sitz im Langenthaler Stadtrat verteidigen konnte. Das Problem ist das diese Partei Eidgenössisch-(also National-)sozialistisch ist.

Und dem müssen sich demokratische Kräfte entgegenstellen.

„Befreiende Toleranz würde mithin Intoleranz gegenüber Bewegungen von rechts bedeuten und Duldung von Bewegungen von links. Was die Reichweite dieser Toleranz und Intoleranz angeht, so müßte sie sich ebenso auf die Ebene des Handelns erstrecken wie auf die der Diskussion und Propaganda, auf Worte wie auf Taten. [..] Unter den vergangenen Umständen waren die Reden der faschistischen und nationalsozialistischen Führer das unmittelbare Vorspiel zum Massaker. Der Abstand zwischen der Propaganda und der Aktion, zwischen der Organisation und ihrer Entfesselung gegen die Menschen war zu gering geworden. Aber die Verbreitung des Wortes hätte unterbunden werden können, ehe es zu spät war: hätte man die demokratische Toleranz aufgehoben, als die künftigen Führer mit ihrer Kampagne anfingen, so hätte die Menschheit eine Chance gehabt, Auschwitz und einen Weltkrieg zu vermeiden.“

Herbert Marcuse, Repressive Toleranz, 1965

Bis am Sonntag!

Reto M. hat gesagt…

@ Genosse:

In den Augen von Rechten bin ich längst Linksextremer in den Augen Autonomer bin ich ein bürgerlich angepasstes Bübchen aus der sozialliberalen SP Ecke.

Die Wahrheit liegt meist irgendwo dazwischen und ist vor allem auch eine Frage des Standpunktes, von welchem aus man betrachtet.

Was das Erschrecken darin anbelangt, dass die PNOS einen auf ganz normale Partei macht, in deren Reihen man problemlos andere Menschen als Geschwür bezeichnen darf, stimme ich vollends mit dir überein. Es gibt gar eine Facebook-Gruppe PNOS, in welcher sich die Menschen ganz öffentlich und ganz klar mit solchen strafwürdigen Aussagen solidarisieren. Das ist wirklich schlimm.