Dienstag, 10. Februar 2009

Was darf Kunst?


Beziehungsweise was darf Kunst im Kunsthaus Langenthal, waren heute die Fragen am Podium anschliessend zur Hauptversammlung des Kunstvereins. Versammelt war eine "Dienstags-Club"-Runde gemäss Moderator und ehemaligen Kunstmuseumsdirektor Reichenau, welche sich grundsätzlich einig, bzw. aus demselben Metier war. Diskutiert wurde auf einem hohen Niveau, was Kunst grundsätzlich dürfe und wie beide sogenannten Kunstskandale Langenthals, welche auch in diesem Blog für Echo sorgten - das Kunstminarett und das Porzellanhakenkreuz - verarbeitet respektive in der Bevölkerung diskutiert wurden oder werden sollten. In der Versammlung waren sich eigentlich auch die meisten, ob der gehörten Definitionen und verschiedenen Auffassungen einig.
Nicht ganz so souveräne Aussagen, gab's aber auch meiner Sicht schon, wonach man zum Beispiel nie und nimmer erwartet hätte, dass beide Installationen derartige Reaktionen hervorrufen würden oder auch dass man sich wunderte, dass politisch motivierte Installationen auch politische Reaktionen hervorrufen. Etwas ehrlicher fand ich da die Aussage, dass so ein kleiner Skandal einem kleineren Kunsthaus auch nicht schaden könne, was die Eintritte und das schweizweite Renomée betreffe, was mich übrigens weder stört, noch ich als Vorwurf erachte.

Ich äusserte mich nicht, denn ich hüte mich Politik mit Kunst zu vermischen, wenn es um Beurteilungen geht - welche die Volksseele (die in Satiresendungen auch schon mal kunsvoll gekocht wird) betrifft. Wenn wir beginnen, als Politiker Einfluss auf die Kunst zu nehmen, dann wird's völlig entartet (der Begriff ist bewusst gewählt). Hernach ist es auch wichtig, dass wir Politiker nicht beginnen, Kunst bewerten zu wollen. Auf der anderen Seite hat jede und jeder eine Meinung zu Kunst - insbesondere wenn sie provoziert - und diese Meinung soll die Person frei äussern können, da diese von der Kunstseite ja auch gefordert wurde und deshalb einen Anspruch hat, ehrlich reflektiert zu werden.

Die Gefahr, dass sich die Politik nun gross in die Diskussion über das Kunst- und Kulturschaffen Langenthals einmischt, besteht aber nach dem heutigen Podiumsbesuchs nicht. Gekommen waren nur 2 Exekutiv- und 2 Legislativmitglieder * - nebst vielen Mitgliedern des Kunstvereins und vereinzelten bewegten Bürgerinnen und Bürgern eine relativ magere Ausbeute...

und da wundern sich Politikerinnen und Politiker weshalb die Menschen nicht mehr an politische Podien kommen. Wir gehen ja selbst nicht hin. ;-)

* (von insgesamt 47 Stadt- und GemeinderätInnen).

Kommentare:

hansruedi hat gesagt…

Tja das ist dann wohl ein weiterer Fehler des Kunstvereins, man sollte einen solchen Anlass nicht gerade dann machen wenn ein guter drittel der möglichen Politiker keine Zeit hat, ein grosser Teil von ihnen an einem anderen Ort längst verplant ist. Wie Titus anmerkte habe ich ja Probleme meine Infos aus dem Realen Leben zu bekommen, aber im Internet rumklicken kann ich, im Gegensatz zu den Künstlern. ;-)
http://fdp-langenthal.ch/page/content/index.asp?MenuID=21727&ID=72486&Menu=431&Item=14

hansruedi

Titus hat gesagt…

@ Hansruedi
:-)

@ Reto
Solange Du die Themen im Kunsthaus nicht zu einem Thema an einer Stadtratssitzung machst, sehe ich nicht ein, weshalb Du Dich nicht auch zu Kunst äussern dürftest?

Reto M. hat gesagt…

@ Hansruedi:
Sollte sich die Kunst wirklich an die oder nach der Politik richten?
Zur Parteienverteilung gestern: Ich fragte mich echt, wo die FdP war. Denn die Parteienverteilung war 1 SVP (Stadthäuptling), 1 EVP (Kulturchefin), 2 SP (Stadträtchen).

@ Titus:
Ich habe die Kunst nich verpolitisiert - auch nicht mit meinem stadträtlichen Motto letztes Jahr: "Die Kunst, die Kultur hoch zu halten." Aber andere haben, ob der Ereignisse negative Leserbriefe und eine Interpellation eingereicht. Gestern waren sie nicht anwesend, weil sie sich scheinbar (8-tung Hörensagen) von Aussagen des Kunstvereinspräsident in der Zeitung "man wolle keine Arena veranstalten" angegriffen fühlten.

Hmmm... ich würde dickere Haut empfehlen. Anti-Niveau oder sowas. Ich wäre dort auch als Kritiker des Kunsthauses aufgetreten. Das wäre stark gewesen.

hansruedi hat gesagt…

Ganz sicher soll sich die Kunst an die Politik richten, zumindest der Teil der Kunst über den hier geschrieben wird. Auf der anderen Seite soll die Politik auch auf die politische Kunst reagieren.

Nochmals zum Kunstverein, das gestern war natürlich wirklich ein handwerklicher Fehler, ich denke aber der Kunstverein bemerkt ihn noch nicht mal. :-/

hansruedi

Reto M. hat gesagt…

@ Hansruedi:
Was Letzteres betrifft, denke ich auch, dass hier niemand der Besagten mitliest.

Obwohl ich mich in diesen Einschätzungen auch schon täuschte.

Julien Sorel hat gesagt…

Es mutet nach Kalkül an, wenn man Hakenkreuze oder Minarette für seine Kunstwerke einsetzt und sich dann gegen Reaktionen aus der Welt der Politik wundert. Über solche Koketterie dürfen Politiker nicht einfach schweigen, nur weil sie befürchten, dann als wenig kunstsinnig zu gelten.

Reto M. hat gesagt…

@ Julien:
Ich werde den Eindruck nicht ganz los, dass man Reaktionen und öffentliche Meinung von Seien des Kunstvereins wollte, aber doch lieber nur die guten und netten Stimmen.

Aber man muss ihnen auch - wie Priska mir weismachte - sagen, dass auch negative Leserbriefe, kritische Blogeinträge und -kommentare und anderes ein Teil der öffentlichen Meinung und Diskussion sind.

Extrem fand ich bloss, dass man nun sagte, dass man nicht wusste oder dachte oder vermutete, dass ausgerechnet diese beiden Installationen dermassen Wirbel verursachen würden. Das ist einfach weltfremd oder naiv. Aber nimmer eine realistische Einschätzung Volkes Seele in Langenthal.

Anonym hat gesagt…

Meiner Meinung nach haben sich auch Künstler an einen Ehrenkodex zu halten: Benutze nicht das Leid anderer, um dich als Künstler zu profilieren.

Dieses Hakenkreuz weist keinerlei Kunstcharakter auf. Es basiert allein auf Provokation und könnte genauso gut (geschmackloses) Titelbild irgendeiner Zeitschrift sein, eine grafische Darstellung ohne besonderen Kunstwert.

Um mal im pervertierten Sinne des Künstlers weiterzuspinnen: Er könnte das Ganze in Aktion umwandeln und die Neonazis, welche sich regelmäßig bei der Porzi treffen, als Aktionskünstler einsetzen, welche die Porzellankrüge in dieser Hakenkreuzformation ordnen. Allzu schwer ist das ja nicht, wär auch als Tapete geeignet. Könnten auch Kinder machen, das wäre dann das "naive Volk", das der Künstler mitbenutzt.

Wenn er wenigstens ein bisschen Ironie in die Sache gelegt hätte, aber nein: Hätte auch ein nostalgischer Neonazi künstlerisch hingekriegt. Fortan kann sich jeder Neonazi, welcher sein Hakenkreuz an die Wände schmiert, als Künstler ausgeben, wär doch was.

So zu tun, als wäre ihm die Provokation nicht bewusst gewesen, erscheint mir derart verlogen. Das würde ich nur einem Jugendlichen abnehmen. So aber ist es schlichtweg Karrieregeilheit.

Das haben schon andere erfolgreich versucht, nach der Pokerdevise "alles auf eine Karte setzen": Beim Ingeborg-Bachmann-Preis z. B. war es "Der Babyficker", zuerst große Empörung und dann erhielt der Autor den ersten Preis. Oder dann das blutige Shirt als Werbeträger. Solche Bilder klingen lange nach und ihre Künstler profitieren davon, ohne wirklich Kunst erschaffen zu müssen, denn dafür bräuchte es eine echte Begabung, welche nicht auf solche Provokationen zurückgreifen muss, sondern um der Kunst willen kreiert und nicht, um groß rauszukommen.

Wahre Kunst geht in die Tiefe und ist zutiefst ethisch-poetisch, nicht käuflich und amoralisch. Sie ist nicht plakativ und benutzt keine Stereotypen. Sonst landen wir bald mal bei "Kunstwerken", welche pervertierte Handlungen als Kunst darstellen, die "Kunst eines Mörders, der seine Opfer kunstvoll entstellt" etc. In diesem Sinne wäre alles Kunst, was Tabus bricht, also auch perverse Pornographie. Hat ja die Dame oben auf dem Podium auch zugegeben. Der Tabu-Bruch provoziere. Genau darauf legen es karriereorientierte untalentierte Künstler bewusst an, sage ich.

LG Evelyne

Reto M. hat gesagt…

@ Evelyne:
Besten Dank für deine pointierte Meinung. Ich denke nicht, dass man die Affäre "Kunsthaus" schlichtweg nur auf die reine Provokationsebene simplifizieren kann. Das Hakenkreuz als gewalt(tät)iges Symbol dargestellt in feinem, zerbrechlichen Porzellan ist durchaus auch eine Aussage, die man, vom künstlerischen Aspekt her, beurteilen könnte.
Ich war auch am Podiumsgespräch mit dem Künsler Robin Bhattarchaya selbst ((http://retomueller.blogspot.com/2008/12/sind-kunst-und-politik-unvereinbar.html) "Huch, da hast du ja auch kommentiert. Sorry, verpasst.) und habe nicht den Eindruck erhalten, dass er viel mehr wollte, als durch eine Provokation die Geschichte um die Porzellanfabrik und die damaligen Schweizer Nazischaften einiger Angestellten ins Gespräch zu bringen.
Abschliessend muss man ihm zu Gute halten, dass er schlussendlich mit seiner "Kunst" zu 100% erreichte, was er wollte.

Ob dies nun aber der öffentlichen Diskussion über Sinn und Unsinn in der Kunst gut tut, überlasse ich gewiefteren Kunstbetrachtenden.

Anonym hat gesagt…

@Reto:

"und habe nicht den Eindruck erhalten, dass er viel mehr wollte, als durch eine Provokation die Geschichte um die Porzellanfabrik und die damaligen Schweizer Nazischaften einiger Angestellten ins Gespräch zu bringen."

Diese Satzkonstruktion lässt zwei gegenteilige Deutungsweisen zu. Üben das die Politiker? Raffiniert. Muss ich zugeben, würde ich aber lektorieren.

"Abschliessend muss man ihm zu Gute halten, dass er schlussendlich mit seiner "Kunst" zu 100% erreichte, was er wollte."

Ja, das erreichte er wohl oder: Seine Zukunft wird zeigen, ob es ihm nun wirklich mehr nützt oder schadet. Sein "Kunstwerk" wirkt etwas verspätet, wo doch die Jugendkultur das Hitlertum schon längst ad absurdum führt. Es ist nicht mehr wirklich aktuell und würde im international deutschen Bereich wahrscheinlich nicht mehr so "wirken". Wie ein alter Witz, der seine Pointe verloren hat und nur noch in Kleinstädten wie Langenthal ankommt. gg

LG Evelyne