Montag, 16. Februar 2009

Provokationen überall

Provokation scheint in Langenthal nicht nur mehr ein Anliegen der Kunst zu sein. Der neue Stadtratspräsident Daniel Rüegger, EVP, musste sich zu mehreren Fragen in dieser Richtung im samstäglichen Tägu (Langenthaler Tagblatt) äussern.

Erste Frage - allen Ernstes - war doch:
"Daniel Rüegger, wann beginnen Sie zu bloggen? Ihr Vorgänger als Stadtratspräsident ist in der Stadt ja ein bekannter Blogger."
Ich lasse diese provozierende Frage einmal unkommentiert, im Wissen darum, dass die geneigte Leserschaft weiss, dass ich nicht mit Bloggen begann, weil ich Stadtratspräsident war, wurde, oder was auch immer..., das mit dem Amt überhaupt nichts zu tun hat und bestimmt nicht ein Zwang für meinen Nachfolger besteht, mir irgendwas gleich zu tun (wenn schon soll er besser machen, was mich manchmal nur "halbpatzig" gelang) und überhaupt wohl die Hälfte der Leserschaft gar nicht weiss, was ein Blogger ist. Vielleicht. Was das bekannt wiederum in ein ganz anderes Licht rückt. Vielleicht haben die plötzlich das Gefühl, es sei im Englischen von Blocher abge.... ach, verwerfen wir diesen Gedanken ganz schnell wieder.

Weitere Fragen wurden zum Diskussionsstil und der stadträtlichen Ratskultur gestellt:
So zum Beispiel:
"Was ist der Grund, dass man eher etwas härter und aggressiver diskutiert?"
Die Antworten von Daniel Rüegger - überhaupt - sind sehr gut. Doch hierfür möchte ich noch einen weiteren Grund angeben. Würden die Zeitungen (BZ und LT) nicht nach jeder Sitzung die originellsten, härtesten, witzigsten Zitate mit der Kolumne "Ratssplitter" oder "O-Ton" belohnen, so wäre ein grosser Teil des Problems, sich aufspielender Politiker (es betrifft meist nur die Männer) erledigt. Somit darf diese Frage der Provokationen im Rat nicht bloss nur den Politos angelastet werden.

Aber es stimmt schon. Einige unserer Politiker sind wirkliche Provokationskünstler (meinereiner in Sachen auswärtige Dörfer u.a. nicht immer gänzlich ausgenommen) und stehen den Ausstellungsstücken oder -machern im Kunsthaus hinsichlich der Wirkungsabsicht manchmal in nichts nach.

In diese Richtung wäre eventuell auch zu überlegen, wie der neueste und erneute Leserbrief eines (nicht an den Diskussion des Kunsthauses anwesenden, aber aus eben dieser Diskussion zitierenden) Stadtrates in der heutigen Ausgabe des Langenthaler Tagblattes hinsichtlich der öffentlichen Meinung und Diskussion um die "Affäre Kunsthaus" zu verstehen ist. Wie wir aus einem O-Ton wissen, bezieht er seine Infos u.a. auch hier, was mich eventuell einer Mittäterschaft überführt?

Ich denke mir meine Meinung (ohne sie für einmal nieder zu schreiben), da ich ja nun hier in diesem Blog wirklich nicht provozieren möchte. ;-)

Ich verbleibe mit den Fragen:
- Sind Politik und Provokation gänzlich trennbar? Und wird bei einer Trennung die Politik zwar besser, aber unsäglich langweilig(er)?
- Dürfen wir den Anspruch erheben, dass Kunst uns nicht provozieren darf?
- Darf ich mein Blog nun auch Kunst nennen?

Kommentare:

Titus hat gesagt…

Politik ohne Provokation nenne ich Sachpolitik. Die mag langweilig sein, je nach Sache und persönlichen Interessen.

Aber hey: Ist denn Politik eine Show?

Wer in der Politik eine Show abzieht, nimmt sich ernster als die Sache an sich. Das ist für mich der grössere Skandal als die "Affaire Kunsthaus". Nur hat uns leider eine gewisse Partei schon so weit gebracht, dass wir kaum mehr zu unterscheiden wissen. Wir geifern aktuell ja geradezu nach dem "Showdown" zwischen Spuhler und Blocher.

Und die Medien tun ihr übriges. Die geifern auch ständig danach. Nicht umsonst scannt man regelmässig das Blog des Reto M. durch, immer in der Hoffnung, er möge etwas aus der Schule plaudern (und damit ist nicht der Lehrer Reto M. gemeint).

Und wann bringt das Tägu eine Kolumne mit den schlagkräftigsten Argumenten anlässlich der Stadtratssitzungen?

Reto M. hat gesagt…

@ Titus:
Du hast Recht. Ich glaube aber sie lesen meinen Blog einfach so, weil es unterhaltsam ist und man manchmal doch vielleicht etwas erfährt. Dass ich nicht aus der Schule plaudere - weil das a) nicht ins Internet gehört und b) alles seine Grenzen hat, wissen mittlerweile glaub' ich auch die meisten.

Die Kolumne des Tägus existiert bereits. Sie heisst Ratssplitter. Diejenige der BZ heisst O-Ton.

Politik ist zu einem Teil zu Showbiz avangardiert. Das mag man verurteilen. Im Trend der heutigen Zeit mit den höchsten Einschaltquoten bei "Glanz & Gloria" u.ä. ist es aber nichts weiter, als eine logische Entwicklung.

Anonym hat gesagt…

Giorgio Girardet meint:
Mir scheint die Provokation ein interessantes Phänomen in der Politik.

Ich gestehe, dass ich die messerscharfen Mörgeli-Komnen in der Weltwoche mag.

Leider verläuft die Politik in vorhersehbaren Bahnen. Man prügelt auf Blocher ein, um die eigene Psyche zu festigen, zum Beispiel.

Hier mögen zwei "Provokationen" heilsam sein: Jean Ziegler etwa empfahl Bocher zur Wiederwahl. Die wurde von vielen als "Provokation" verstanden, war aber ernst gemeint.

Eine andere "Provokation" war jene Blochers, die UBS-Forderungen der SP zu kopieren und von SVP-Seite her zu stellen: ein kluger Zug.

Völlig überflüssig sind die "Medien-Provokatiönchen" von JUSO-Jungspund Cédric Wermuth. Wenn schon Toni Brunner ein Grenzfall ist an politischer Kompetenz (aber er hat wenigstens den Leistungsausweis in der Gründung einer kantonalsektion) ist, dann ist Urs Hofmanns schlechtrasierter Kofferträger, die verfehlteste Antwort auf die SP-Fräuleinwunder-Manie.

Man vergleiche Lukas Reimann mit Cédric Wermuth und man hat die Antwort, warum die JSVP weit mehr Jugendliche Interessiert als die JUSO.

Die Medienpräsenz von Cédric Wermuth ist für die SP eher negativ. Warum gibt es in der JUSO keine smarten Juristen, Volkswirtschaftler etc. wie der "Lord von Dietikon"?

Warum zählt in der SP nicht mehr die Gründung einer Sektion, Arbeit in der Basis? Mein Eindruck: im Bernbiet genügt es als Bürgerstochter im Kantiparlament etwas mitzumachen, eine Mentorin zu finden, und schon ist man mit 18 im Kantonsrat, mit 22 im Nationalrat und desingt kurz nach Studienabschluss federführend die Sicherheitspolitik des Landes (was früher ein gestandener Stadtpräsident und Offizier wie Boris Banga tat). Das Quotengeschützte Frauenbiotop der SP treibt seltsame Blüten. Für eine Partei die einst die Hoffnung der Menschen auf eine gerechtere Gesellschaft verkörperte müssten eigentlich die Schlachtpferde der SP-Frauen: Verbot der Ohrfeige, Stimmrechtsalter 16 (das Kantiparlament lässt grüssen!), persönliche Waffe ins Zeughaus, detaillierter Ehevertrag etc. pp. als "Peanuts" gelten. Wichtiger wäre die heissen Eisen in der Wirtschaft anzupacken, aber da fehlt es der SP zunehmend an Juristen, Volkswirtschaftlern, Selbstständigen und wohl an der politischen Kreativität Themen aufzugreifen.

Reto M. hat gesagt…

@ Giorgio:
Provokation kann als junger Politiker verlockend sein, da man relativ schnell, relativ viel Interesse - auch von Seiten der Medien - auf sich ziehen kann. Aber langfristig ist es absolut keine Option, sondern massiv kontraproduktiv.
Man wird plötzlich als Fun-Gag-Spass-Politiker wahrgenommen. Als bunter Hund, der für Aufmerksamkeit alles macht, wonach die Öffentlichkeit schreit.

Dieser Eindruck kann für einige Politos manchmal wirklich zutreffen, für unsere jungen, eloquenten und hervorragenden Politikerinnen der SP Kanton Bern verwehre ich mich aber vehement dagegen. Diese machen bodenständige, ehrliche, realistische Politik - meist fernab von taktischem Geplänkel.

Bangas Abwahl im Kanton Solothurn haben sie bestimmt nicht zu verschulden. Da müsste man - à mon avis - eher schauen, wie er und seine Frau sich in Grenchen in gewissen Sachen ungeschickt verhielten, welche medienmässig auf den ganzen Kanton Solothurn ausstrahlten. Er wurde zudem Opfer des allgemeinen und grossen SP-Verlustes bei den NR 2007. Seine Abwahl schmerzt aber im Bereich der Sicherheitspolitik die SP bestimmt schwer. Da stimme ich überein.