Montag, 9. Februar 2009

Also ich versteh's nicht ganz. Tragödie in drei Akten.

Also ich versteh's nicht ganz. Part 1:
Da wird die Personenfreizügigkeit und damit auch die Weiterführung des Weges mit den Bilateralen Verträgen mit grossem Erfolg gestern angenommen und noch am selben Tag spricht die eine Partei weiterhin davon, man wolle die Personenfreizügigkeit bekämpfen und die andere Partei möchte gemäss Pressecommuniqué in näherer Zeit den Beitritt zur EU wieder auf's längerfristige Tapet bringen. Man kann das Kind auch stets mit dem Bade ausschütten. Ich versteh' die Übereile nicht und das obwohl ich Mitglied der nebs und der yes bin. Dass andere auch Mühe mit beiden gezeigten Parteiverhalten haben, bestätigten mir Gespräche mit gemässigten aber parteilosen eher Linksdenkenden.

Also ich versteh's nicht ganz. Part 2:
Die Abstimmung über Stimmrechtsalter 16 in Basel Stadt. 72% sagten Nein. Nein zu einer erhöhten Partizipation von jungen Menschen in unserer Gesellschaft. Nein zu mehr politischer Bildung. Nein zu mehr Engagement Heranwachsender. Warum? Und dann noch weshalb so ausgesprochen deutlich? Da fordern die Erwachsenen immer mehr Einsatz von den Jugendlichen und wollen ihnen aber die Gelegenheiten nicht geben, sich aktiv (und nicht bloss zum Schein) an der Welt zu beteiligen. Schade.
Ein Ablehnungsgrund könnte die schreckliche Farbe auf der Homepage der Befürworter sein. Autsch. Aber sonst spricht doch absolut nichts gegen Stimmrechtsalter 16. Ich hoffe auf den Grossen Rat des Kantons Bern im März. Die erste Hürde hat er ja bereits mit Bravour - aber im Windschatten revolutionärer Glarner Ereignisse - genommen.

Also ich versteh's nicht ganz. Part 3:
Da gehen in Nidwalden bereits 80% der Kindergartenkinder freiwillig 2 Jahre in die "Schule" und trotzdem ist die frühere "Einschulung" und die Ernennung einer Schul-Pflicht ab 5 Jahren für die letzten noch verbleibenden 20% der Hauptgrund, weshalb die Abstimmung über Harmos dort abgelehnt wurde. Und zwar deutlich. Das ist doch absolut verknorzt.
Wie wollen diese kleinen Kantone - welche notabene ihre Lehrmittel sowieso schon von den grösseren kantonalen Lehrmittelverlagen beziehen - denn die Schule reformieren und harmonisieren, dass letzendlich die Jugendlichen profitieren? Weiterhin im Kantönligeist? Wer Nein zu Harmos sagt, geht von falschen Voraussetzungen und nicht mehr aktuellen Weltbildern aus.
In Bern gehen 84% der Kinder bereits freiwillig 2 Jahre in den Kindergarten. Will heissen, dass die Abstimmung auf Grund des absurden WählerInnenverhaltens, das sich auch auch in Nidwalden zeigte, noch lange nicht gewonnen ist. Aufklärung über die Ziele und den Nutzen von Harmos tun dringend Not. Scheinbar springt man nicht nur in Nidwalden und Aargau (Regierungsratswahlen) sehr auf weinende Kinder von Plakaten und Inseraten an.

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

HarmoS-Debatten

Einfach strukturierte Zeitgenossen sehen die HarmoS-Debatte sogar als einen Streit um nichts und strafen die Gegner als unverbesserliche Kantönligeist-Nostalgiker ab.

Es ist schon erstaunlich: Die Kritik am HarmoS Konkordat zielt fast ausschliesslich auf die frühere Einschulung und auf die Frage, ob uns der Kindergarten dauerhaft erhalten oder bald durch die Basisstufe abgelöst werde. Kaum thematisiert werden dagegen die Schaffung von Bildungsstandards und der neue Unterricht nach strengen Standards. Diese bilden den Kern einer bildungspolitischen Konsequenz aus den mässigen PISA-Ergenissen. Der Wechsel von der „Input-„(Lehrpläne) zur „Outputsteuerung“ verspricht aufgrund eindeutig messbarer und verwertbarer Lernergebnisse, eine Qulitätsverbesserung des Schulsystems. Es droht damit allerdings die Gefahr, Bildung weitmöglichst auf messbare Niveaus einzuengen und nicht messbare (nicht zu testende) Bildungsanstrengungen zu marginalisieren oder gar auszublenden. Die Grundansprüche der humanistischen Bildung scheinen bereits in der Grundschule gefährdet. Die Dominaz der Standards im Unterricht und die Vorbereitung der Testungen erfordern ca 80% der Unterrichtszeit in den Testfächern.

Die Frage, ob wir eine standardisierte Schule überhaupt wollen, war aber nie Gegenstand eines öffentlichen Diskurses. Den Parlamenten und der Öffentlichkeit wurde lediglich das fertige HarmoS-Paket serviert, welches nur als Ganzes angenommen oder zurückgewiesen werden kann. Bildungsstandards gelten hierzulande als überfällig, als eine pragmatische Anpassung an die Ansprüche der modernen Gesellschaft. Der Paradigmenwechsel wurde eher en passant und offensichtlich unreflektiert hingenommen. Im Gegensatz zur Schweiz führte diese Thematik in Deutschland und Oesterreich zu heftigen Debatten.
Unter den HarmoS-Minimalstandards gibt es keine Schulversager mehr. Kinder, welche die Anforderungen der Testaufgaben nicht erfüllen, „verdanken“ das zunächst dem „unzureichenden“ Unterricht! Die Hauptakteurin im Unterricht ist eindeutig die Lehrperson, welche sich nun zu verantworten hat. Wie die individuelle Nachbesserung (Förderung) „fehlbarer“ Lehrpersonen angegangen wird, bleibt vorläufig ein Geheimnis (… und wird wie fast alles der rollenden Planung unter HarmoS überlassen).

Der mehrfache PISA-Sieger Finnland verzichtet jedenfalls auf die aktuelle Hysterie um Standards und setzt auf die Weiterentwicklung der gewachsenen Strukturen und auf die bewährten Eigenheiten ihres Schulsystems. Zentrale Rahmenlehrpläne genügen, dafür profitiert die Motivation und die Arbeitskraft der Lehrerinnen und Lehrer von einem hohen Ansehen in der Öffentlichkeit. Finnische Lehrpersonen sind in ihren Schulen und Gemeinden fest verankert..

Eines ist sicher: Wer immer Kompetenzmodelle, Standards und die Implementierung bestimmt, hat Macht. Die Macht der Testingenieure könnte prinzipiell für politische Zwecke missbraucht werden, das umso eher, je weiter das Bildungswesen der demokratischen Kontrolle entzogen und in künftigen öffentlichen Debatte ein Mauerblümchendasein fristen wird. - Hier liegt doch die eigentliche Brisanz!

Fritz Tschudi, Chur

flöschen hat gesagt…

Gute Analyse. Die SP hat wahrscheinlich wegen den Schlagzeilen (auch in deinem Blog ;-)) auf einen EU-Beitritt gedrängt.

Punkte 2 und 3 machen mich aber am meisten unschlüssig und verwirrt. Ich frage nur: Whaaa?

Titus hat gesagt…

Wieso das sonst eher offene und eher "linke" Basel so klar Nein zum Stimmrechtsalter 16 gesagt hatte, habe ich auch nicht ganz verstanden.

Zu HarmoS gibt's eigentlich gar nichts zu debattieren. Kurz und knapp zusammengefasste Fakten hinter meinem verlinkten Namen (damit Hansruedi nicht suchen muss ;-)

Dass Bildungssstandards kein Thema sein sollen, kann ich nicht ganz nachvollziehen:
http://www.edk.ch/dyn/12930.php

Oder verstehe ich da etwas nicht richtig?

Anonym hat gesagt…

Also ich gestehs auch. Ich verstehe die SP gar nicht mehr!

Zu der Bonidebatte: Die SP hat es verpasst hier die relevaten Fragen zu stellen, und das politisch Machbare umzusetzten. Es ist doch unglaublich, das hier nicht (zusammen mit dem KV) ein Entlanssungsstopp durchgesetzt wurde. 600 bis 800 Entlassungen allein in der Schweiz. Mit ca 80 Mio liessen sich die Leute am Arbeitsplatz halten, während eines Jahres. Arbeit genug hat die Bank. Die Kunden würden eine inensivere und etwas weniger hektische Beratung und Betreuung schätzen. Sie wäre in dieser Situation auch angebracht.

Wie kann man Grundsatzopposition betreiben (gegen Boni) ohne politischen Partner und dabei die wirklichen Verhandlungspunkte einfach vergessen.

Himmel auch. (Natürlich ist der KV auch nicht gewohnt, selber zu kämpfen. gegen Innen. Aber die SP hat das scheinbar auch verlernt.

Man sollte sich mal von den Gewerkschaftlern beraten lassen.

Cüplisozis sind in dieser Zeit voll überflüssig!

:-))

Reto M. hat gesagt…

@ Fritz Tschudi.

Besten Dank für die sehr interessanten Inputs. Unsere Schülerinnen und Schüler werden sowieso gemessen - an welchen Standards auch immer - Multicheck, Basiccheck oder schlussendlich in der Berufsschule - warum müssen wir uns dann scheuen in der Schule - ich spreche vor allem über die Sekundarstufe I, auf der ich auch tätig bin, Ziele in Rahmenplänen und auch in verbindlichen Standards zu setzen? Ich finde, dass klare Standards - auch hinsichtlich des Übergangs in die Sekundarstufe II - vor allem den einen nützt. Unseren Schülerinnen und Schülern.

@ Flöschen:
Ja, so ist das nun halt... ;-)

@ Titus:
Danke für die Infos. Nun müssen wir noch kucken, dass die bis im Herbst im Volk sind.

@ Anonym:
Aber nun mal halb lang. Wer setzte sich im Parlament vehement - wenn auch erfolglos - für Auflagen zu den UBS-Milliarden ein? Die SP!

Aber so ist die Demokratie nun halt und da wir von der SP nicht mehr als 50 Prozent haben, kannst du uns da nun wirklich keinen Strick draus drehen.

Ich finde Gewerkschaften und SP sollten in diesen Zeiten gut miteinander arbeiten, obwohl sie je länger je unterschiedlichere Ziele hinsichtlich Politik und gewerkschaftlicher Arbeit verfolgten. Aber in der Krise kann das wieder besser zusammenwachsen.