Freitag, 5. Dezember 2008

Sind Kunst und Politik unvereinbar?

Die Porzellanhakenkreuz-Diskussion wurde heute medial vom Langenthaler Tagblatt noch einmal aufgenommen. Überschrift gross und fett: "Hakenkreuz verärgert auch Politiker. "

Lang und breit wird dort den ortsansässigen Parteien und einem einzelnen Parteiexponenten Platz geboten, sich darzubringen. Einfach schade, dass sie dies nun in der Presse machen, bei der Diskussion am runden Tisch gemeinsam mit dem Künstler vor einer Woche aber kein einziger Politiker ausser Nadine Masshardt und mir scheinbar die Zeit gefunden hatte, um über diese und solche Kunst zu sprechen. (Die SP ist mehr oder weniger entschuldigt, da zur gleichen Zeit Schlusshöck war...)

Aufmerksamen Leserinnen und Lesern mag es nicht entgangen sein, dass ich mich persönlich auch über das Kunstwerk enervierte, da es a) von der Symbolik her aggressiv, b) zum zweiten Mal der drei letzten Ausstellungen im Kunsthaus zur Provokation kam und c) ich zuerst nicht verstand, warum Robin Bhattacharya ausgerechnet wiederum Langenthal in Zusammenhang mit der rechtsextremen Subszene zum Zentrum des medialen nationalen Interesses machte. Dieser "Ärger" entstammte aber meinem persönlichen Empfinden. Nie und nimmer hätte ich das als Politikum gesehen. Um meine Meinung kund zu tun und weitere Diskussionsinputs zu liefern, sagte ich an der Gesprächsrunde dann auch Folgendes, das man ebenfalls im Langenthaler Tagblatt (Autor O. Andres) wie folgt umschrieben fand:
"Zu Problemen kommt es oft, wenn sich die Aussensicht - etwa jene eines Künstlers - nicht mit der Innensicht der Betroffenen selber deckt; darin war sich die Diskussionsrunde grösstenteils einig. «Viele Langenthaler finden, dass das, was gegen aussen wahrgenommen wird, gar nicht ihre Identität ist», sagte dazu Reto Müller. Deshalb habe jeder Fokus auf übertriebene Fremdenfeindlichkeit und Mittelmässigkeit entsprechende Reaktionen zur Folge."
Nachdem ich mich am Tisch mit dem Künstler und auch im Nachgang - u.a. noch heute Mittag - mit weiteren Kunsttätigen und -interessierten austauschte, gelangte ich zur gefestigten Überzeugung, dass Kunst - im kompletten Gegensatz zur Meinung der SVP - nie und nimmer reguliert oder gesteuert werden darf. Kunst ist (oder kann sein) ein Seismograph künftiger Ereignisse, Kunst in mehrere Kategorien je nach Unterstützung eines Kriteriums "dem-Geldgeber-genehm-sein-wollen" einzuteilen, wird scheitern und die Zeiten, in welcher man zwischen guter und schlechter Kunst politisch entschied entstammen derer des dargestellten (aus unsere heutigen Sicht entarteten) Zeichens. Auf der anderen Seite fand ich folgende Aspekte der mittäglichen Diskussion, die von aussen eingebracht wurden, sehr interessant:
Beim Hakenkreuz handelt es sich um ein wahnsinnig beladenes, starkes, agrressives Symbol, das dann in feinstem und zerbrechlichen Porzellan nachgebildet, eine ungeheure künstlerische Wirkung entfalten kann.
Einzig ein grosses Ziel hat Robin verfehlt:
Er wollte mit dem Hakenkreuz die Diskussion über die Vergangenheit und Gegenwart Langenthals anregen, mit der Grundfrage: "Wer ist Langenthal?" Erreicht hat er aber, dass im Moment darüber diskutiert wird: "Was darf Kunst in Langenthal? Bzw. was darf das Kunsthaus Langenthal?" Ob dies eine fruchtbare Diskussion ist, wage ich eben zu bezweifeln, da zwar alle ihre Meinung in der Kunst haben (Politiker generell zu allem eine solche darlegen können, insbesondere wenn die Presse anklopft (ja, ich auch)), aber "das" allgemeine Kunstverständnis wenig oder auf alle Fälle irgendwie auf Grund persönlicher Einzelhintergründe der Betrachtenden nur sehr dehnbar vorhanden ist.

Ich würde auch einfach mal behaupten, dass mehr als die Hälfte, die heute in der Zeitung ihren Senf zum Thema gaben, gar nicht an der Ausstellung waren. Leider. Schade.

Kommentare:

hansruedi hat gesagt…

doch natürlich wird Kunst gesteuert, erstens durch die "Schausteller" und zweitens durch die Konsumenten, da braucht es die Politik dann gar nicht mehr. Ich finde es eigentlich schade, das sich Politiker und Einwohner von Langenthal mit dieser "Art" überhaupt auseinandersetzen. Wenn man sich die Behauptungen des "Künstler" einmal genauer ansieht, bemerkt man zwangsläufig die Unstimmigkeiten in seinen Behauptungen. Ein Keramikofen ist nicht für die Verbrennung geeignet, Deutsche sind nicht „per se“ Nazis, auch nicht die Deutschen die 33 bis 45 gelebt haben und schon gar nicht die Deutschen die in dieser Zeit aus Deutschland abgehauen sind.
Wenn ich nun feststelle, das der "Künstler" sich nicht mit seinem Arbeitsmaterial auseinandersetzt, so frage ich mich wirklich, ist das was er macht Kunst, wenn ich nun feststelle das er sich über die Ereignisse über die er ja seine Kunst machen will, gar nicht richtig recherchiert, dann ist es in meinen Augen nun wirklich keine Kunst mehr was er da macht, sondern nur schlechtes Benehmen. Sich über ein solches schlecht gemachtes Werk aufzuregen ist Verschwendung, darüber zu reden eigentlich auch. Widmen wir uns lieber den echten Problemen der echten Menschen in und um Langenthal. Versuchen wir ein echtes Zusammenleben und ein ausgewogenes Miteinander von Frau und Mann, Arm und Reich, Ausländer und Schweizer zu schaffen. Ob nun vor 80 Jahren, 2 oder 200 Frontisten in dieser Stadt lebten ist irrelevant, wichtiger ist zu erkennen, das auch wir heute nur einen Hauch davon entfernt sind andere Menschen auszugrenzen zu verletzen und zu beleidigen oder noch viel schlimmeres, nur weil wir denkfaul und bequem sind und nicht bereit uns auf andere Menschen einzulassen. Wenn ein "Künstler" es nun versäumt auch hinter die Fassade zu sehen und sich auf das was man sieht und das was man nicht sieht einzulassen, so ist es eben nur ein auf den Boden stellen von Porzellan und sicher keine Kunst. Es ist also nicht schade, dass so viele nicht hingegangen sind, es ist schade, dass so viele doch hingegangen sind, denn es kann ja nicht sein das der Konsument dem Künstler den Sinn seiner Kunst erklärt, es ist die Aufgabe der Kunst den Menschen zum Denken und Fühlen anzuregen. Wenn Kunst das kann, dann darf und soll und muss sie auch provozieren. Wenn man aber mit einer Provokation nur Wut, Angst und Ablehnung hervorruft so halte ich es nur für geschmackloses Marketing in eigener Sache.
Eigentlich habe ich jetzt auch viel zu viel geschrieben, aber man sollte auch aus so einem misslungenen Ding versuchen etwas Positives zu machen. Deshalb erlaube ich mir einige Links aufs wiki zu setzen.

http://de.wikipedia.org/wiki/Krematorium

http://de.wikipedia.org/wiki/Keramik

http://de.wikipedia.org/wiki/Nationale_Front_(Schweiz)

ach noch was, sehen wir das Hakenkreuz doch einfach etwas gelassener und im ursprünglichen Sinne oder wenn dir das lieber ist, etwas indischer

http://de.wikipedia.org/wiki/Swastika

und so wünsche ich mir für den Künstler, das Kunsthaus aber auch Langenthal und seine Einwohner viel Glück

hansruedi

daniel.steiner hat gesagt…

- Sind Kunst und Politik unvereinbar?
- Muss Kunst immer provozieren? Wo liegen die Grenzen der Provokation?
- Soll Kunst einer Stadt bestimmte unvorteilhafte Stempel aufdrücken?
- Ist Kunst das richtige Mittel, um gesellschaftliche Herausforderungen zu thematisieren?
- Ist Kunst wirklich unabhängig (von Geldgebern, persönlichen Absichten)?
- Sind rechte Politiker Kunstbanausen und Kunstverhinderer und Linke die einzigen Hüter der reinen Kunst?

Fragen über Fragen...
Sie würden einen Abend füllen.

Reto M. hat gesagt…

@ Lieber Hansruedi:
Es sind spannende Fragen, die du aufwirfst. Interessant wäre auch die Frage, wie viele Frontisten in Langenthal aktiv waren und ob sich dies um eine Häufung im Vergleich zur "normalen" Schweiz darstellte. Die Frage bliebe: Hat Langenthal historisch erwiesen eine erhöhte Tendenz für rechtsextremes Gedankengut?

In einem vorherigen Kommentar zum Thema wurde ja auch gesagt, dass die Gerüchte ebenfalls um den neuen Brennofen von Laufen entstanden seien. Scheinbar wurde - wie auch heute - damals 1 + 1 zu rasch zusammengezählt.

Interessant scheint mir noch der Zusammenhang mit der Porzi. Hätten wir bei einem Hakenkreuz aus Motorex-Fässern, Lantal-Sitzen, Baumann-Stoffen, Ammann-Maschinenteilen etc.. geradeso aufschreiend reagiert? Ich denke nicht. Die Porzi verkörperte einen Stolz in jedem Langenthaler und jeder Langenthalerin, welcher tief sitzt und schmerzlich getroffen wurde.

Danke für die interessanten Links.

@ Lieber Daniel:
Ich denke eben, dass es nicht immer die Antworten sind, die einen befriedigen. Manchmal dürfen auch Fragen zurück bleiben, aber Hauptsache ist, dass diese Fragen gestellt werden:

Ich denke Kunst darf provozieren. Sie muss es nicht. Ich denke aber, will sie ihre Aufgabe wahrnehmen, der Gesellschaft etwas offen darzulegen, so muss sie wohl manchmal an Grenzen gehen. Da kann es sein, dass eine Aktion auch mal daneben geht, wenn man Grenzen auslotet.
Kunst ist ein Mittel - neben anderen - um gesellschaftliche Themen, Probleme und Tendenzen anzusprechen. Aus meiner Sicht ein wichtiges Mittel. Betrachtet man Dinge kunsthistorisch muss man sagen, dass einige Schaffer und Werke von ausserordentlicher gesellschaftlicher Bedeutung sind.

Über rechte und linke Politiker und Kunst: Ich widerspreche dir. Ich finde weder linke noch rechte Politiker sollten sich in die Kunst einmischen. Siehe ProHelvetia. Da Politiker aufgrund ihrer Wahrnehmung äusserer und innerer Umstände eher alle - als niemand - als Kunstbanause betitelt werden könnten. Ich wage zu behaupten, das rühre daher, dass Politiker und Künstler in Wahrnehmung, Deutung und Darstellung der Um- und Mitwelt generell unterschiedlich "arbeiten".

Ich würde mich aber gerne eines Besseren belehren lassen und einen KünstlerIN treffen, welche/r Politik macht.

hansruedi hat gesagt…

ich bin ja nun nichts so der Extremisten-Bewegungen-Kenner, aber gab es in Langenthal überhaupt Frontisten? wird da nicht oft der "Bund für Volk und Heimat" der in Langenthal gegründet wurde mit den Frontisten verwechselt? Dieser Bund war aber meiner Meinung nach eher den Faschisten zuzurechnen als den Nazis und antideutsch, aber ich kann mich auch irren, den ich finde es spannender das heute zu betrachten als das vor-vor-gestern.

hansruedi

Genosse hat gesagt…

Wie ich hier schon mal erwähnt habe, gab es in Langenthal eine Ortsgruppe der NSDAP. Ihre Sitzungen hatten sie im damaligen Hotel Kreuz (dort ist heute die Überbauung mit der Kreuzpassage).
Man muss allerdings erwähnen, dass es zu dieser Zeit über 40 NSDAP und KdF Gruppen in der Schweiz gab.

Diese Informationen stammen aus der Broschüre "GAU Schweiz", 1937 herausgegeben von der SP Schweiz.(Diese Broschüre ist in unserem Besitz, Reto kann sich melden, wenn er mehr wissen will)

Ob es daneben auch noch Frontisten gab, entzieht sich allerdings meiner Kenntnis.

Langenthal ist heute die einzige Gemeinde mit einem PNOS Stadtrat. Vier Exponenten dieser Partei stehen momentan vor Gericht, weil das 20 Punkte Programm dem 25 Punkte Programm der Nazis zu ähnlich war. Inzwischen haben sie zwar die Texte entschärft, nicht aber ihre Blut und Boden Ideologie geändert - und wurden wiedergewählt.

Langenthal hat ein Nazi Problem und das wird nur noch deutlicher, wenn man Künstler, die dieses unbequeme Thema aufgreifen zensiert.

Support your local Antifa!

Reto M. hat gesagt…

@ Hansruedi und Genosse:

Das Buch schaue ich mir gerne mal an. Eventuell wäre es auch ertragsreich mal im Archiv der SP Langenthal zu stöbern, was sich dort über diese Zeit noch findet. Aber aus Zeitgründen überlasse ich das lieber denjenigen, welche sich hierüber mit einer Masterarbeit vergnügen werden.
In die Broschüre "GAU Schweiz" würde ich gerne mal blicken - wenn auch die Quelle bestimmt nicht unvoreingenommen war, so wäre es doch interessant zu sehen, wie sich das politische Gefüge Langenthals anno 1933 - 1945 zusammensetzte.
Ich komm' dann wohl mal Donnerstags wieder ins Lakuz oder so.

Anonym hat gesagt…

Ich war auch an der Podiumsdiskussion diesen Monat. Meiner Ansicht nach hat der Künstler sehr wohl provozieren wollen, um bekannt zu werden. Natürlich ist es leicht, dafür den Holocaust als Motiv zu "benutzen", ohne Rücksicht auf die Überlebenden des 2. Weltkriegs, welche dadurch erneut traumatisiert werden.

Liebe Grüße
Evelyne