Donnerstag, 20. November 2008

Was hat meine Stadt mit einem Joghurt gemeinsam?

Ich gebe zu, das Zitat, welchem ich diese Frage ableitete, ist weder von mir, noch neu. Trotzdem sorgte sie an der STADTkulTOURstattPOLITIK Veranstaltung, welche ich für "meine" Politikerinnen und Politiker organisierte, für Heiterkeit. Wie auch der ganze Abend. Die Rückmeldungen waren durchwegs positiv. Ich bin einfach stolz und dankbar für alle Künstlerinnen und Künstler, welche an besagtem Abend auftraten. Danke euch nochmals vielmals.
Ach ja, die Antwort: Sowohl Langenthal wie auch ein Joghurt haben eine aktive und lebendige Kultur.

Bericht aus dem Langenthaler Tagblatt:
Da er so ausführlich ist, findet ihr den Text unter den Bildern nochmals. Er hatte im Original nicht auf dem Scanner Platz. ;-) Danke Tägu. Einzig die Überschrift finde ich verbesserungswürdig. Kultur ist nie Platzfüller für etwas.


Bericht der Berner Zeitung:

Stadtrat: Kultur mangels Traktanden

Die für den Montag vorgesehene Stadtratssitzung wurde mangels Traktanden abgesagt. Als «Kontrastprogramm» lud Stadtratspräsident Reto Müller zu einer kulturellen Tour durch die Stadt. Dabei lernten die Politiker, was Langenthal und ein Joghurt gemeinsam haben.

OLIVIER ANDRES, Langenthaler Tagblatt


«WAS HABEN LANGENTHAL und ein Joghurt gemeinsam?» – Mit dieser Frage leitet Stadtratspräsident Reto Müller (SP) die jüngste Zusammenkunft von Mitgliedern des Stadtparlaments ein. Nicht harte politische Auseinandersetzungen, Beschlüsse über Ausgaben oder die Behandlung von Vorstössen stehen dabei für einmal im Vordergrund. Denn diese scheinen dem Rat vorläufig ausgegangen zu sein. Mangels Traktanden wurde die auf den vergangenen Montag angesetzte Sitzung abgesagt – ein Novum, das laut Gaby Heiniger vom Präsidialamt zumindest in den letzten acht Jahren nicht vorgekommen war.

WÄHREND EINIGE Stadtparlamentarier den freien Abend zu Hause geniessen, folgt rund die Hälfte der Ratsmitglieder Müllers Einladung zu einem kulturellen Alternativprogramm. Sämtliche Fraktionen sind an der «STADTkulTOUR stattPOLITIK» vertreten – doch keine vollzählig. In gewohnter Umgebung – dem Stadtratssaal der «Alten Mühle» – aber ungewohnter Sitzordnung – sämtliche Parteien bunt durchmischt – startet der Abend. «Der Staat muss die Kultur fördern, genauso wie er die Müllabfuhr finanziert; das Theater ist die Müllabfuhr für die Seele», zitiert Müller den Theaterintendanten Hansgünther Heyme – und lanciert damit dennoch eine politische Botschaft an dem ansonsten unpolitischen Abend.

DASS LANGENTHAL – auch dank staatlicher Unterstützung – genau wie ein Joghurt über eine vielfältige und aktive Kultur verfügt, wird den Stadträten an diesem Abend dank dem Engagement vieler Kunst- und Kulturtätigen gezeigt. Den musikalischen Auftakt macht Michelle Hess. Die Saxofonistin spielt eine Fantasie von Georg Philipp Telemann sowie einen Tango von Astor Piazzolla, bevor sie fürs «Oberaargauer Lied» an Samuel Kuert auf dem Waldhorn übergibt.

DER PFARRER SEI für diesen Abend «umfunktioniert» worden, sagt Müller. Ursprünglich hatte Kuert den Auftrag, an der vorgesehenen Stadtratssitzung eine «parlamentarische Besinnung» durchzuführen, nun sorgt er als Stadtchronist an der «STADTkulTOUR» für «historische Blitzlichter». Nach seinem Vortrag wissen die Politiker nun, warum auf dem Hochwacht-Turm die Langenthaler Fahne weht und dass die Stadt im 19. Jahrhundert ein eigentliches Rütli, eine liberale freisinnige Hochburg der Schweiz darstellte. Ob dies nach den neusten Wahlergebnissen bald wieder so sein wird, lässt das Referat von Samuel Kuert offen.

UNTER DER FÜHRUNG von Sam Herrmann schickt Reto Müller die Stadträte in die Kälte der Nacht. Mehrere Male habe sie bereits an Stadtführungen teilgenommen, erzählt «Kulturministerin» Paula Schaub (EVP), doch immer wieder erfahre und entdecke sie etwas Neues. Den meisten Stadtratsmitgliedern dürfte es gleich gehen wie der Gemeinderätin, doch alle hängen sie an Herrmanns Lippen und lauschen, wie dieser von der Geschichte der Mühle, vom «Stopp-Lisi» «mit den Oberaargauer Hüften» und vom Mörder im Bärestöckli erzählt. «Dieser war halt Jurist und erhielt nach der ersten Verurteilung Aufschub» – über die entsprechenden Lacher konnten auch die anwesenden Rechtsgelehrten schmunzeln.



DURCH DIE MARKTGASSE und vorbei an der extra für diesen Anlass voll beleuchteten Kirche – «ich dachte, dies mache sich für den Besuch des Stadtrats noch gut» – führt Herrmann die Politiker zurück in die Wärme des Nyffeler Kellers. Ein heisser Glühwein, die Bilder von Reti Saks und das Violinkonzert von Andreas Kunz rüsten die Stadträte für die letzte Station der «STADTkulTOUR».

NACH DEM BESUCH der Ausstellung von Matthias Gabi und Einlagen von Knackeboul und «Kris vo Bärn» klingt die etwas andere Stadtratssitzung im Chrämerhuus mit Filmen der Gebrüder Heiniger aus. «Die Kunst und Kultur im Rat hoch halten» – dieses Ziel ist Reto Müller spätestens nach diesem Kulturprogramm vom Montag gelungen. Was die Stadträte davon in den politischen Alltag mitnehmen, wird sich zeigen. Denn selbst das beste Joghurt ist irgend einmal ausgelöffelt. Für die Langenthaler Stadtkultur sollte dies jedoch nicht gelten.

Keine Kommentare: