Mittwoch, 1. Oktober 2008

Wahlkampf in der Strasse

Ich bin etwas erstaunt, dass meine letzte Prognose zu den in 24 Tagen bevorstehenden Gemeindewahlen Langenthals keine Kommentare hervorgerufen hat. Nicht denkend, dass ich meine Textchen hier bloss deshalb veröffentlichen würde, um LeserInnenmeinungen zu erfassen, war ich verblüfft, dass da nicht ein gellender Aufschrei der Entrüstung von Seiten der FdP kam (welche die Ergebnisse St. Gallens in die Diskussion werfen).

Nun. Das kann verschiedene Gründe haben:
- Die lesen meinen Blog nicht. (Sehr hohe Wahrscheinlichkeit.)
- Alle teilen meine Meinung und es gibt nichts zu wiedersprechen. (Eher geringe Wahrscheinlichkeit.)
- Dorfwahlen sind im World Wide Web nicht von grossem Interesse. (Hohe Wahrscheinlichkeit.)
- Alle sind in den Ferien. (Wahrscheinlich.)

Wie dem auch sei. Die Wahlen werden kommen und der Wahlkampf "rollt" weiter. Gerade heute Abend hatte ich wieder folgende Rückmeldung entgegen zu nehmen:
"Ich geh am Samstag nicht mehr auf den Markt. Mich regen all die Politiker und Politikerinnen mit ihren Give-Aways auf! Das ist mühsam."

Meine Antwort an all jene, welche so denken:
Ich kann euch verstehen und aus tiefem Herzen sage ich euch, dass ich sehr ungern Dinge verteile. Schon gar nicht, wenn mein eigener Kopf drauf prangt.
Aber wie - diese Frage stelle ich mir vor jedem Wahlkampf - wie sollen wir die Menschen darauf aufmerksam machen, wählen zu gehen und sie dann erst noch supplement davon überzeugen, dass sie uns selbst auf den Zettel zu notieren haben.
Gut - fragt man den Urheber des Buches "Wahlkampf in der Schweiz" (welches ich übrigens allen Neokämpfenden empfehle), Mark Balsiger, - der auch hauptsächliche Quelle von www.wahlkampfblog.ch und www.wahlbistro.ch ist, haben all diese Strassenaktionen eh fast keine Wirkung. Er bezieht sich mit seinem Urteil - basierend auf Umfragen - aber nicht auf Lokalwahlen, bei welchen eventuell, durch den geringen Kreis der Wählenden eine Wirkung erzeugt werden könnte, was ich aber auch auf Grund der folgenden Zahlen doch auch bezweifle.

Viele Menschen, welche einem auf der Strasse begegnen, wohnen nicht im Dorf, in welchem Wahlen bevorstehen oder sind nicht stimmberechtigt. Wenn's hoch kommt, gehen 40 Prozent der Menschen, die man trifft und in besagten Dorf stimmberechtigt leben, überhaupt wählen. Davon sind gemäss gfs 2007 rund 55 Prozent bereits fest an eine Partei gebunden und lassen sich nicht beeinflussen. Nur gerade 29 Prozent sind Wechselwählende, welche auf eine neue Linie ev. auf deine einschwenken. Dann gibt's den Restprozentsatz Neuwählende - welche sehr attraktiv zum Bequatschen wären, sicher aber auch nicht zu 100% dann dich wählen.

Nehmen wir mal an, man trifft an einem Morgen 100 Leute. Sagen wir mal, dass 70 davon theoretisch Wählen gehen dürften, so gehen dann (bei einer Wahlbeteiligung von 40%) effektiv 28 davon an die Urne. Hiervon kann man rund die Hälfte nicht beeinflussen. Bleiben noch 14 Personen. Angenommen diese 14 setzen dich (im besten Fall) alle 2x auf die Liste, dann hast du 28 Stimmen mehr. Um in Langenthal gewählt zu werden brauchst du aber auf der SP Liste mindestens 750 Stimmen (das "Plateau" der unveränderten Wahlzettel ignorier ich hier mal).

Frustrierend nicht... würde bedeuten, dass man am Samstag an Stelle von Ärgern der Wochenmarktgäste besser im Bett bleiben würde...
und trotzdem sind sie alle draussen (inklusive ich) und Verteilen eifrig und freundlich lächelnd originellere und weniger originelle Dinge und das aus einfachem Grund:

Um das eigene Gewissen zu beruhigen.

Ich war mit den JUSO bei den Nationalratswahlen im ganzen Kanton... ich war bei den Grossratswahlen in fast jedem Dorf... ich bin in Langenthal... fast überall.
Ob das aber reicht, um gewählt zu werden, ist aber mehr als fraglich und wisst ihr was:
Das ist auch das Schöne an der Demokratie. Die Wählenden entscheiden frei, jede und jeder hat rein theoretisch dieselben Chancen, gewählt zu werden.

Letztes Bild erscheint mir aber fast genau so romantisch, wie diejenigen, welche mit ihren Schoggitäfeli meinen, viele Wählende zu gewinnen, weshalb ich hier mein Strassenkampfessay beende.

Kommentare:

kathrinb hat gesagt…

Ok, laut Umfragen haben Strassenaktionen keinen Effekt. Ob man das aber mit Umfragen herausfindet, wage ich zu bezweifeln. Es ist doch wie mit Werbung ganz allgemein: ich kenne keine Person, die sagt, sie hätte das Produkt XY wegen einer Werbung gekauft. Und trotzdem funktioniert es ja anscheinend, sonst gäbe es die gesamte Werbe- und Marketingbranche längst nicht mehr.

Irgendwoher müssen die Leute ein Produkt XY oder einen Kandidaten bzw. eine Kandidatin aber kennen, deshalb hat Werbung sicher einen Einfluss, auch wenn es den Leuten nicht bewusst ist oder sie es nicht zugeben.

Wer das Geld hat, ganze Zeitungsseiten mit Inseraten und ganze Wände mit Plakaten zu füllen, ist sicher nicht auf Strassenwahlkampf angewiesen, wer das Geld nicht hat, muss wohl aber auf diese Weise präsent sein.

Anonym hat gesagt…

nein die Antwort ist ganz einfach: die Datenlage ermöglicht keine schlüssige Antwort.
Mach mal eine Statistik über sieben "Dorfhansel" resp auf die 30 die es werden wollen. Nicht das ich es nicht versucht hätte, aber es ergibt einfach kein gültiges Resultat und wenn die Wahrscheinlichkeit unter 60-70% sinkt ist auch eine Interpolation nur noch Kaffeesatzleserei, die Resultate die ich bekam der Stapi wird mit 94% sein Amt behalten, die Gemeinderäte werden mit 55 bis 67% wieder gewählt, die SP wird mit 22% einen dritten Gemeinderatssitz machen, aber ich denke zwei Faktoren sind da auch noch sehr wichtig, erstens ist der Wahlkampf immer noch am Anfang und zweitens habe ich vermutlich nicht alle Daten eingepflegt, sicher aber ist, ich bin mit 100% mit meiner Arbeit in Verzug.

hansruedi

kollege hat gesagt…

Du widersprichst dich ganz gewaltig:
Einerseits hätte die SP 2004 mit 18 Listen mehr drei GR-Sitze gemacht.
Andererseits rechnest du vor, wie du auf der Strasse offenbar höchstens 14 Personen überzeugen kannst.

Ergo: Mit ein, zwei Strassenaktionen mehr hätte die SP 2004 drei GR-Sitze gemacht. Oder nicht?

Fazit für mich: Ich schwöre auf Strassenaktionen. So werden wir Politiker fass- und ansprechbar.

Reto M. hat gesagt…

@ kathrinb:
Da ist was Wahres dran. Werbung erzielt auf alle Fälle seine Effekte...
Und es ist auch richtig, dass ich nicht das Geld für seitenfüllende Inserate oder massenweise Plakate habe, obwohl ich da bei einigen auch einen Overkill wahrnehme, den es werbemässig in unserer überbeworbenen Schweizer Gesellschaft zwangsläufig gibt.

@ Hansruedi:
Interessante Überlegungen. Nur eine Anfügung. Für einen 3. Sitz bräucht es mindestens 33% und etwas Reststimmenglück. Sonst wird da nix draus. Eine kleine Frage betreffend des Wahlkampfs: Wenn der sogenannten Langenthaler Wahlkampf für die Wahlen, welche in 24 Tagen stattfinden, noch nicht angelaufen ist, wird er dann überhaupt je stattfinden?

@ Kollege:
Jetzt hat's bei mir gerade ein wenig Klick gemacht. Vielleicht hast du Recht, vielleicht aber auch nicht, da solche Dinge ja nicht 1:1 abzulesen sind...
wenn gelten würde, für jedes Pocorn 1 Stimme, hättest du gewonnen....
Auf der Strasse sein - und das ist meine wohl endgülitge Meinung zu diesem Thema - ist besser, als nichts zu tun. Ich bezweifle aber, ob es wirklich reicht einfach jeweils 1 Monat vor den Wahlen bei den Menschen fühl- und fassbar zu werden. Das ist doch pure Stimmenfängerei. Und die Strassenkontake bleiben ja sehr oberflächlich.
Gut. Ich habe auch schon erlebt, dass sich Menschen auf der Strasse plötzlich haben mit PolitikerInnen ablichten lassen, da sie so Freude hatten, diese Person zu treffen. Ich musste fotografieren... war zu wenig blond... ehh berühmt, meinte ich. ;-)

Keep on workin'!

Reto M. hat gesagt…

@ Kollege:
Ich habe mir das mit den Listen nochmals überlegt und herausgefunden, dass meine Berechnung nicht stimmte. Es sind 101 Person, welche uns mehr hätten wählen müssen. Da die 703 Stimmen Differenz zwischen SP und SVP durch 7 (da es Gemeinderat ist) und nicht durch 40 geteilt werden müssen.

Huiii... ergo: widersprech ich mir nun ein wenig weniger? ;-)

Anonym hat gesagt…

naja für den Kontakt zum Bürger mache ich doch was und sogar gerade rechtzeitig für die Wahlen, die von 2012 meine ich natürlich. ;-) du bist herzlich eingeladen da mit zutun, meinetwegen auch erst ab dem 26.
Der Wahlkampf bringt schon etwas, wenn auch nicht so viel wie gerne behauptet, du kannst damit die Leute die dich eher wählen würden, zum Teil dazu bewegen, wirklich wählen zu gehen.

hansruedi

kollege popcorn hat gesagt…

@reto.m

Du hast Recht: Es gibt gar keine Alternative zu Strassenaktionen - ausser nichts zu tun... Eins muss man unserer Popcorn-Idee lassen: Sie ist wenigstens kreativer als Schoggi-Härzli oder Raclette.

Sicher ist: Wahlkampf herrscht während 4 Jahren und nicht nur 1 Monat vor den Wahlen. Mich nerven - wie dich wohl auch - die "Helikopter-Parteien" (oder "Heliokopter-Kandidaten") gehörig: Kurz vor den lokalen/kantonalen/nationalen Wahlen landen, etwas Staub aufwirbeln und dann wieder verschwinden...

Lupe, der Satire-Blog hat gesagt…

strassenaktionen nerven viele leute, aber ich behaupte mal, die genervten wissen eh, was sie wählen.

verteilaktionen sind gut, so kann man ungezwungen auf die leute zugehen und sehr viele nehmen schoggi-herzli oder andere geschenke ganz gerne. in diesem zusammenhang nehmen sie auch eher einen flyer mit. was sie dann damit machen ist egal.

man darf die aktionen nicht überschätzen, neue wähler kriegt man damit kaum. man hat sich aber als partei gezeigt, man ist sich nicht zu schade, unters volk zu gehen und hat vielleicht mit dem einen oder anderen passanten noch ein paar worte gewechselt.

meine strassenaktionen sind hoffentlich für dieses jahr vorüber.

Titus hat gesagt…

Es geht doch bei den Strassenaktionen auch darum, sich den anderen Leuten wieder in Erinnerung zu rufen und diese auch zum Wählen zu motivieren.

Denn: Die Namen auf den Wahllisten haben kein Gesicht. Eine Listennummer, eine Parteibezeichnung, fertig. Durch Strassenaktionen bekommen aber die Namen ein Gesicht. Und: Die Begegnung mit einem Bekannten erinnert ihn daran, dass er nicht quasi eine x-beliebige Liste auszuwählen hat (er muss sich dabei zu einem Entscheid durchringen - und lässt es dann vielleicht doch bleiben), sondern dass es eine Liste mit einer ihr bekannten Person gibt...

Übrigens, die m&m-Aktion finde ich ganz originell - x-mal besser als Videos mit pompöser Hollywood-Musik ;-)

Abschliessend noch ein Punkt: Permanentes Werben erlaubt dem Werbenden, nicht in Vergessenheit zu geraten. Auf eine Person bezogen heisst das, dass sich ständig im Gespräch zu halten besser ist als sich nur einmal alle vier Jahre (vor den Wahlen) ins Gespräch zu bringen. Als Stadtratspräsident, aber auch mit diesem Blog, hast Du Dich zweifellos ständig im Gespäch gehalten. Gute Voraussetzung also.

Reto M. hat gesagt…

Guten Morgen allerseits:

Danke für die reichlich vielen Kommentare und Hinweise.

- Helikopterkandidaten... immer wieder eine treffende Bezeichnung.
- Wahlen 2012... weise Vorausplanung ist alles.
- Strassenaktionen dieses Jahr vorüber... werde ich in 3 Wochen auch sagen können.
- M&M sind originell... wir Urs Masshardt und Reto Müller haben heute Morgen beim Bahnhof dieselbe Erfahrung gemacht. Da gingen zur bewusst gewählten Nicht-Rush-Hour ab 08.00 Uhr während 1 Stunde 150 Stück locker weg.

@ alle: Eure Worte sind auf alle Fälle erwärmend genug, um die Kälte, welche draussen nun aufgezogen ist, auszuhalten und den direkten Kontakt zu suchen.

Mark Balsiger hat gesagt…

Ich kenne keine Studie, die sich explizit mit dem Strassenwahlkampf beschäftigt. Das scheint mir auch eine kaum greifbare Forschungsfrage zu sein. Mensch fällt seinen Wahlentscheid, der auf vielen verschiedenen Gründen basiert. Bloss wegen einem süssen Schoggiherzchen inkl. Flyer - daran glaubt nicht einmal der Osterhase.

Ich habe in den letzten Jahren einige Kandidierende beobachtet, die sich für den Strassenwahlkampf nicht eignen. Ihnen fehlen "Schmiss", Charme oder die Lockerheit, auf fremde Menschen zuzugehen. Sie verlieren bei jeder Aktion ein paar Stimmen.

Gerade in lokalen Wahlkämpfen kann die Präsenz auf der Strasse wichtig werden. Gerade dann, wenn systematisch vorgegangen wird und viele Aktionen durchgeführt werden. Mir imponiert das sogenannte Canvassing, wie es in diesem Jahr im amerikanischen Wahlkampf beobachtet werden kann. Freiwillige gehen von Tür zu Tür, sie nehmen sich Strasse für Strasse, Quartier um Quartier vor. In der Regel haben sie Listen dabei und wissen schon vor dem Klingeln, wen sie vor sich haben.

Das wäre auch in der Schweiz möglich - gerade in Kleinstädten. Es braucht einfach immense personelle Ressourcen. Die handgestrickte Art des Werbens von Tür zu Tür gibt es auch bei uns. Man nennt sie "Trölen". Ich weiss von einem Regierungsratskandidaten, dem dabei regelmässig die Türe vor der Nase zugeschlagen wurde. Merke: Es ist auch eine Frage der Kultur.

Reto M. hat gesagt…

@ Mark:

Besten Dank für die Meinung des Meisters. Spannend.
Wir haben uns beim NR-Wahlkampf 07 auch überlegt, ob wir eine Art "Canvassing" durchführen wollen. Der Türhänger war dann wohl eine Art Kompromiss. Schlussendlich kamen wir zum Schluss, dass es für den Kanton Bern zumindest nicht das richtige Mittel wäre, da die Menschen sich dessen nicht gewöhnt sind und wir nicht den Stempel einer Art "Zeugen Jehovas"-Mentalität aufgedrückt haben wollten. Wenn ich noch etwas sagen dürfte, für solche Menschen, welche sich diese Art von Werbung annehmen würden. Wenn ihr klingelt, steht dort der Name, also solltet ihr den kennen. In den USA weiss man aber glaub' ich noch mehr. Die haben manchmal sogar Listen, wo die Parteizugehörigkeit der Leute zu sehen ist und ködern die dann bei den Themen, bei welchen die anderen versagt haben und versuchen sie auf die eigene Seite zu ziehen.

Aber ich denke, dass obwohl der Wahlkampf scheinbar - wie man sagt - immer amerikanischer wird, nicht dieselbe Kultur haben, wie die Amis.

Danke für deinen Eintrag, welcher mich ehrt.

Matthias Schmid hat gesagt…

Es gibt noch eine prima Alternative zu Strassenaktionen: Die Teilnahme an einem überparteilichen Podium. Auch Reto wird übrigens am einzigen Vor-Wahl-Podium "Gute Idee - schlechte Idee" am Do, 9. Oktober, 20 Uhr, in der Alten Mühle, teilnehmen. An einem solchen Podium bietet sich die Möglichkeit, nicht nur Köpfe zu sehen, sondern auch Standpunkte zu wichtigen Themen zu erfahren. Schon manch einer hat an so einem Podium seine Meinung geändert... Die Organisation durch den Ehemaligenverein des Jugendparlaments Oberaargau ist ausserdem Garant dafür, dass ein solches Podium nicht zu einseitig wird. Die beste Art, sich eine Meinung zu bilden!

Reto, darfst ruhig noch etwas Werbung machen in deinem Blog :-). Ausserdem haben wir auch eine Facebook-Veranstaltung, wo man sich einschreiben kann: "Gute Idee - schlechte Idee. Podium zu den Langenthaler Wahlen".

Wir freuen uns auf viele Zuschauer beim ersten Langenthaler Mitmach-Podium!