Sonntag, 7. September 2008

Warum politisierst du?

Wenn man sich heute durch die Sonntagspresse liest und die Berichte (bzw. Vorwürfe) über unsere Bundesräte Micheline Calmy-Rey und Samuel Schmid zu Gemüte führt, darf man sich diese Fragen durchaus stellen.

Ich glaube nach wie vor herrschen falsche Ansichten vor, was das Politiker-Innen-Sein betrifft. Die meisten Menschen, welchen ich begegne, haben das Gefühl, dass ich da in diesem Amt als Präsident des Parlaments und somit höchstem Langenthaler ziemlich viel Geld (natürlich immer auf Kosten der Steuerzahlenden) kassieren würde. Diese Frage lässte sich anhand des Reglements über die Entschädigung unserer Miliz'ler relativ rasch widerlegen. Für eine Sitzung unter 3 Stunden gibt's in Langenthal CHF 30.--, alles was darüber ist, wird mit CHF 80.-- entschädigt (Vorbereitungszeit nicht miteingerechnet). Als Präsident erhältst du das Doppelte. Das kann also kein wirklicher Grund sein, warum in diesem Herbst eine Rekordzahl von Kandidierenden ins Langenthaler Parlament wollen.

Bei defizitorientiert denkenden Menschen muss dem Vorwurf entgegen getreten werden, dass man Politik zur Kompensation von persönlichen Mängeln mache. Eine englische Studie belegte scheinbar mal, dass Kinder, welche wenige Freunde im Umfeld der Schule hatten, später gerne in die Politik gehen würden, da sie dort mittels Zwangsgemeinschaften (Parteien) Freunde an sich binden könnten. Andere meinen, dass man sich über Politik relativ rasch und ohne grössere Mühe auch in den Medien profilieren könne und es dadurch einer gewissen Auslebung des Narzissmus eines Menschen entsprechen könne. Hierbei wird aus meiner Sicht aber unterschätzt, dass so viele Sitzungen für so wenig Presse oder andere positive Rückmeldungen eher einem Masochismus als einem Narzissmus gleich kommen mögen. Aber einen gewissen Narzissmus dafür, mit seinen Ideen gerne im Rampenlicht zu stehen, kann wohl keine Politikerin und kein Politiker verleugnen.

Die Wertschätzung als Politikerin oder Politiker im Dienste der Gemeinschaft Einsatz zu leisten, sinkt sowohl beim Volk, wie auch bei den Politikerinnen und Politiker selbst. Wie wären sonst Aussagen von früheren Parteikollegen über Schmid denkbar, welche unter anderem im Fernsehen sagten: "Ohne die SVP wäre er nur ein mittelmässiger Advokat geworden." Was wiederum bedeutet: Nur dank der Politik & der Partei bist du zu dem geworden, was du bist und nicht dank dem, was du kannst.

Schliesslich kommen wir zur Gretchenfrage: Gibt es den guten, uneigennützigen, ....., genügsamen, nicht aufstreben wollenden Homo politicus?
Nein.
Aber es gibt ihn mit solch pestallozzianischen Eigenschaften auch nicht als Homo economicus oder sonstigen Menschen. Weil es den perfekten Menschen nicht gibt.

Und trotzdem finde ich es falsch und unfair, wenn man bei Politikerinnen und Politiker oft a priori schlechte Eigenschaften als Triebfedern ihres Wirkens vermutet, denn in einer romantischen Betrachtunsgweise wollen sich alle diese Menschen mit ihren Ideen für eine bessere Gesellschaft und Gemeinschaft verwirklicht sehen.

Ideologie und Idealismus können aber auch verloren gehen dadurch, dass man für den Aufstieg Kompromisse eingeht. Wie viele dass man davon eingeht, bis man Bundesrätin oder Bundesrat ist? Wie viele Fehler man dann begehen kann, bis man nicht mehr glaubwürdig ist? Und wie lange die Medien einen aus Mangel an besseren, aktuelleren Geschichten, welche die Leser, Hörer und Sehenden immer haben wollen, die eigenen Mängel unter die Nase reiben, bis zum Rücktritt, wird uns im Moment sehr wahrscheinlich exemplarisch vorgeführt.

Solange mein Politiker-Innen-Sein stimmt, mache ich das, was ich meist unterschätzend und doch liebevoll auch "Spiel" nenne, mit.

Kommentare:

hansruedi hat gesagt…

hm, --- du musst ein wirklich guter Mensch sein. Ich mache Politik nur aus ganz egoistischen Gründen. Und wenn es da pro Abend nur 30.- Franken gibt, bin ich richtig froh mich nicht für den Stadtrat gemeldet zu haben. Es ist also sehr unwahrscheinlich, dass ich die nächsten vier Jahre im Stadtrat sitzen muss. Ach übrigens, ich poste gerade mit Shiretoko (Firefox 3.1) bleib also flexibel, es werden änderungen auf dich zukommen. ;-)

hansruedi

Titus hat gesagt…

Tiefsinnige Gedanken, Reto. Ein aufstreben wollender Homo politicus ist ja an sich nichts Schlechtes. Relevant ist hierbei, weshalb er aufstreben will. Will er dies aus "unlauteren", auch eigennützig geprägten Gründen (wozu ich auch eine narzistische Ader zähle), dann gehört er abgewählt. Will er jedoch aufstreben, damit er seine Überzeugung in einem grössen Umfang einbringen kann, dann ist das absolut i. O.

Wichtig bei diesem "Spiel" scheint mir, dass die Überzeugung auch gelebt wird. Da happert's oftmals und deshalb sind PolitikerInnen auch "schlecht". Die geäusserte Überzeugung wird nämlich so zur Scheinheiligkeit. Man könnte es auch als das bekannte "Wasser predigen aber Wein trinken" nennen. Als Beispiel: Man kann nicht permanent gegen Ausländer wettern, die eigene Firma könnte aber ohne Ausländer gar nicht mehr betrieben werden (ganz so fiktiv ist dieses Beispiel heute nicht...). Gewiss - perfekt ist niemand und auch ein Fitness-Trainer isst gerne einmal ein Stück Schwarzwälder-Torte. Dann soll er diese aber auch offen darlegen und nicht radikal gegen jede Form von fettreicher Nahrung poltern (das ist natürlich nur im übertragenen Sinne zu verstehen).

Zur Rolle gewisser Parteien und ihrer Äusserungen: Jeglich Form von Anfeindungen ist auch immer ein Versuch, bewusst oder unbewusst von der eigenen Unzulänglichkeit abzulenken. In dem Falle zählen nicht mehr Argumente und Gegenargumente und ein Abwägen derselben. Wer auf diesem Niveau angelangt ist, wer also nicht mehr argumentiert und abwägt, der braucht in irgendeiner Form Hilfe - sofern derjenige nicht selber feststellt, dass er sich verrannt hat und dies entsprechend zu korrigieren versucht. Erhält derjenige nicht die nötige Hilfe, fühlt er sich in seiner Unzufriedenheit bestätigt und giftelt weiter. Diese Hilfe kommt am Besten von jener Seite, von welcher man es nicht erwartet. Sie darf jedoch nicht offensichtlich geleistet werden. Im Gegenteil, der Hilfe-Suchende muss das Gefühl erhalten, dass es nur dank ihm möglich ist, diese oder jene Idee umzusetzen. Das ist gewiss kein leichtes Unterfangen und verlangt schon etwas psychologisches Feinspitzengefühl.

Nun aber genug mit Hobby-Psychologie ;-)

bloggin' chm hat gesagt…

politisieren in der legislative ist idealismus pur. auf lokalebene sowieso.

mjaeger hat gesagt…

Ich bestätige gerne das Ergebnis der englischen Studie: In Parteien lümmeln sich reihenweise Leute, die sonst nicht zu freundschaftlichen Sozial-Kontakten kommen. Wer aber exekutiv oder legislativ tätig sein will, sollte in Sachen Freundschaften keine Defizite haben. Sonst fehlen die Wähler.

Reto M. hat gesagt…

@ hansruedi:
Bin ich froh, haben wir im Stadtrat nur Menschen, die Politik nicht aus egoistischen Gründen machen...

@ Titus:
Danke für die umfangreiche Einschätzung. Ich mache es mir vielleicht zu einfach, wenn ich sage, dass es sehr viele "Wasser-predigen-Wein-saufen"-Episoden zu erzählen gäbe, mich selbst nicht immer ausgeschlossen, aber harmlos und irgendwie menschlich. Und mit der Schlussfrage: Ist der SVP denn überhaupt zu helfen? Ich wage zu prophezeien, dass wenn Schmid effektiv zurücktreten sollte binnen dieses Jahres, dass sie es nochmals mit Blocher versuchen. 1 gute Flasche Wein ist mir die Wette wert.

@ chm:
Du musst es wissen. Schlussendlich bleibt ja auch nur das übrig... ;-)

@ mjaeger:
Worauf beziehen sich deine Berichte? ich muss sagen, dass Kontakte in der Politik - auch innerhalb der eigenen Partei nicht wirklich immer freundlich sind...
vor allem dann nicht, wenn Wahlen anstehen. Aber lassen wir das. Wichtig ist schon, dass man befähigt ist, ein Netzwerk an menschlichen Kontakten aufzubauen und zu pflegen - was aber nichts mit Filz zu tun hat.

Titus hat gesagt…

Na von "SVP" hatte ich gar nichts geschrieben...aber Du kannst gut Gedanken lesen ;-)

Bevor ich auf Deine Wette einsteige, muss ich noch nachfragen: Meinst Du, dass alt-BR C.B. als offizieller Kandidat von der SVP-Fraktion vorgeschlagen wird oder nur als "wilder Kandidat" antritt? Falls Du das als offizieller Kandidat meinst, steige ich auf die Wette nicht ein. Die SVP könnte ihn tatsächlich nochmals aufstellen und sei's nur darum, sich anschliessend einmal mehr als Opfer darstellen zu lassen... (die böse, böse Bundesversammlung)

Reto M. hat gesagt…

@ Titus:
Ich meine als offizieller Kandidat der SVP. Lass ich den Wein im Moment stecken. Vielleicht steigt jemand sonst drauf ein.

Man kann fast nur hoffen, dass Sämi noch ein wenig durchhält, obwohl... bringt's Bundesrat Schmid in dieser Verfassung überhaupt noch etwas für unseren Staat?

Titus hat gesagt…

@ Reto
Hab's mir nochmals überlegt und steige auf die Wette ein. Meine Position: C. B. wird NICHT offizieller Kandidat der SVP-Fraktion sein (das begründe ich nun natürlich bewusst nicht).

S. Schmid hat keine Fraktion mehr und nun wohl auch sonst keine Armee-freundliche Unterstützung mehr im Parlament. Ich bezweifle, dass er so noch bis Ende der Legislatur (2011)weitermacht. Er könnte - zusammen mit mindestens einem anderen Bundesrat - in Kürze, also noch vor der Session anfangs Dezember, jedoch nach den Wahlen im Kanton Bern, zurücktreten.

Reto M. hat gesagt…

@ Titus:
Gut. Die Wette gilt.