Montag, 8. September 2008

Fannie und Freddie gehören Sam.

Fannie Mae und Freddie Mac. Zwei Wahrzeichen der freien amerikanischen Marktwirtschaft - zwei Urgesteine des Kapitalismus - gehören nun seit heute "einfach" dem amerikanischen Staat. Verstaatlicht Punkt. Und Finanzanalysten rügen den Staat sogar, er habe zu spät eingegriffen. Der Staat habe seine Kontroll- und Regulierinstrumente zu spät eingesetzt, was beinahe zu einer globalen Wirtschaftskrise ausgeartet wäre, da sehr viele Banken an den beiden Hypothekarriesen beteiligt seien. Die UBS-Aktien jubilierten auf alle Fälle mit 8,3 Prozent plus auf den heutigen Bescheid der US-Regierung.

Aber mein kleines sozialdemokratische Hirn hat da irgendwas nicht ganz mitgekriegt. Der Staat sollte doch in der freien Marktwirtschaft überhaupt nicht eingreifen. Die freie Marktwirtschaft ist doch dadurch geprägt, dass sie sich von selbst reguliert. Also versteht mich nicht falsch, ich will keine globale Finanzkrise, aber so lange die Unternehmen jeweils Gewinne scheffeln in Milliardenhöhe, wollen sie den Staat möglichst weit weg haben und möglichst keine Steuern und rein gar nichts bezahlen und sobald sie kurz vor dem Konkurs stehen, schreien alle - auch die Hardcore-Verfechter der freien, weltweiten Marktwirtschaft - nach einem Eingreifen des Staates und der damit verbundenen Rettung des ganzen Systems.

Ich bin mir sicher, dass mir das jemand erklären kann, ansonsten ich bald zum Schluss kommen werde, dass sowohl der Kommunismus wie auch der reine Kapitalismus als Systeme nicht funktionieren können.

Kommentare:

mjaeger hat gesagt…

Mit den "Urgesteinen des Kapitalismus" liegen Sie nicht ganz richtig - beide Unternehmen waren bis vor einigen Jahren ja in Staatsbesitz. Der konstruierte Gegensatz zwischen liberalem und sozialdemokratischen Marktverständnis ist in meinen Augen ein bisschen platt. Ein staatlicher Eingriff ist selbst in einem ordoliberalen Weltbild zulässig, wenn der Markt versagt oder das System gefährdet wird. Dass hier vor allem die Manager und nicht der Markt versagt haben, ist stossend, aber kein Anlass zum erneuten Kampf der Weltanschauungen.

Reto M. hat gesagt…

Erstere Aussage betreffend den "Urgesteinen... blabla.." habe ich vom Wirtschaftsmagazin Eco des Schweizer Fernsehens. Nun. Journalismus ist eine unpräzise Wissenschaft.

Es ist nie das System das nicht funktioniert. In der Theorie ohne den Faktor Mensch ist alles perfekt und dann kommen Menschen, die sogenannten Manager des Systems.

Was mich grundsätzlich stört ist, der - ich nenne ihn nun mal platt oder plakativ - "Swissair-Fall". Ein ehemals staatliches & stattliches Unternehmen wird privatisiert. Der Staat soll sich nicht einmischen, obwohl die Strategie der Manager rund um Bruggisser (damals Hunter-Strategie) marode Airlines (Portugal, Belgien, Polen, Südafrika,..) einzukaufen und sanieren zu wollen, hirnrissig war. Der Staat hat in der freien Marktwirtschaft, so lange sie scheinbar zu funktioniert überhaupt nicht einzugreifen. Aber als oder wenn das Unternehmen - hier die Swissair - sprichwörtlich am Boden ist, schreien alle nach den Geldmitteln des Staates. Dem Geld aller Steuerzahlenden.

Deshalb sage ich noch einmal provokativ, plakativ: Der Gewinn geht an einige wenige Aktionäre, das Risiko tragen alle Steuerzahlenden. Ist das nicht unfair?

mjaeger hat gesagt…

Ja, Sie haben recht. Wenn es zum System wird, den Karren an die Wand zu fahren und dann nach dem Staat (und dem Steuerzahler) zu schreien, dann ist etwas falsch gelagert. Aber die Abschlussprovokation ist trotzdem etwas unpräzise in meinen Augen: Der Gewinn geht nämlich auch zu einem erheblichen Teil an den Staat.

Anonym hat gesagt…

Dieser Idiotenkapitalismus nennt sich dann eben "Sozialismus für die Reichen. Es lebe die Umverteilung.
Ford, Crysler etc rufen auch schon nach 50 milliarden steuergeldern. als belohnung für weitsichtiges handeln.
nein das vesagen der manager bedeutet nicht gleich das versagen der marktwirtschaft. es handelt sich hier um die logische konsequenz "neoliberalen-raubkapitalismus". Sauglattistenidiotie. ;-)

Reto M. hat gesagt…

@ mjaeger:
Ja. Das stimmt. Zum Glück gehen Teile des Gewinnes auch an den Staat.

@ anonym:
Der Kommunismus scheiterte am Egoismus und der Raffgier des Menschen und war/ist abhängig von einem diktatorischen System = nicht gut.
Der Kapitalismus scheitert phasenweise am Egoismus und der Raffgier des Menschen = auch nicht gut.
= Dilemma.

Ray hat gesagt…

"Urgestein des Kapitalismus" dürfte(da bin ich weniger diplomatisch als mjaeger) der grösste Chabis sein, den ich seit langem gehört oder gelesen habe.

Fannie Mae war ein auf sozialistischem Gedankengut basierendes Geschenkprogramm von FDR und seiner Administration an die (vor WWII) darbende Bevölkerung der USA. Freddie Mac ist eine wesentlich später ins Leben gerufene Institution, die Fannie Mae Konkurrenz machen sollte. Aufgabe von beiden war es, dem einfachen Bürger den Hauskauf möglicher zu machen.

Tschuldigung, noch zur Bemerkung ..."der Gewinn geht an einige wenige Aktionäre, das Risiko...": Zeugt nicht gerade von grossem Verständnis für wirtschaftliche Zusammenhänge aber für ungeschicktes Polemisieren.

Der Aktionär riskiert nämlich sein Kapital (das er erarbeitet und versteuert hat), der Sozi riskiert nur eine grosse Lippe.

Auch provokativ und plakativ. :-)

Reto M. hat gesagt…

@ Ray:
Hmmm... touché... aber ich überleg' mir noch was als Konter.

Mir geht's ja primär nicht um den Kleinaktionär, welcher sein "Glück" an der Börse mit hart Erspartem versucht. Mir geht's um diese himmellinken oder mögen sie auch rechts sein, Abzockermanager, welche Millionen verdienen und womöglich noch Abfindungen, obwohl sie ein Unternehmen ruinierten und das bei vollem Marktverständnis.

Wie bereits einmal betont die Aussage vom Urgestein des Kapitalismus habe ich vom SF-Magazin Eco. Ist keine meiner Efindungen. Ich nehme zur Kenntnis, dass dem scheinbar nicht so ist.

Ich hatte mich schon gewundert, weshalb du nicht früher auf diesen provokativen Wirtschafts-Post von mir reagiertest... ;-) achso, Ferien.

Ray hat gesagt…

Genau, Ferien. An der Wall Street, auch. Und in den Hamptons, dort wo Du den Geruch von Reichtum und Geld mit dem Messer aus der Luft schneiden kannst. :-)

Ich schätze Deine Diskussionskultur. Selber bin ich laut, ich weiss. Aber Du kannst damit umgehen, das schätze und respektiere ich sehr.