Freitag, 4. Juli 2008

Armee und Biwak und Angst

Als ich vorhin gar im Radio DRS von der Biwakübung mit Zeckenbefund hörte und auch einen Telefonanruf erhielt, dass es schon im Teletext stünde, dachte ich mir bloss:

"Ich nehme meinen persönlichen Bericht vom Netz, da ich nicht derjenige war, der mit der Geschichte zur Presse rannte."

Ich habe Angst, dass der Eindruck entstehen könnte, dass ich es war. Frage mich hingegen auch, warum ich denn diese Angst entwickle, denn ich verstiess gegen keine Regel, (derjenige welche zur Presse ging eventuell auch nicht,) die es zu beachten gilt. Ich nenne weder Abteilung, noch Ort, welche mittlerweile nun beide vom VBS bekannt gegeben wurden. Ich will diese Geschichte auch nicht ausschlachten, sie für hohe Lesezahlen oder meine Bekanntheit ausnutzen. Das ist nicht mein Stil. Aber ich kann sagen und deshalb berichtete ich in diesem Online-Tagebuch auch darüber: "Ich habe Angst."

Zwar versuchte ich stets in mir die Hysterie tief zu halten. Ich blieb ruhig und sachlich, auch als Betroffener, auch im vorherigen Bericht. Doch die Berichte, welche nun über Äther und Schwarz-Weiss online, wie morgen wohl auch Print zu lesen sind, machen nicht wirklich Mut. Hinzu kriege ich ein Telefon, das mir nochmals empfiehlt meinen Körper sehr gut abzusuchen. Nun. Alleine kriegt man einfach nicht alles zu sehen. Insbesondere in den Haaren und wo auch überall sonst noch.... ich habe einfach Angst davor, irgendeine Infektion davon zu tragen, die nun wirklich nicht nötig gewesen wäre, die aber einem ein Leben lang begleiten kann und nicht ungefährlich ist.

Auf der Homepage www.zecken.ch erfuhr ich, dass im Schnitt jede dritte Zecke in der Schweiz das Borreliose übertragen könne, dessen Krankheiten aber mit Antibiotika behandelt werden können, was aber natürlich auch kein Zuckerschlecken wäre.
Die FSME (also die Hirnhaut- oder Hirnentzündungserreger) kommen rund 500mal weniger häufig vor. Das bedeutet, dass wir doch auch eine relativ hohe Wahrscheinlichkeit haben, dass nichts Schlimmes geschehen wird. Ich hoffe für unsere ganze Abteilung. Von oben bis unten. Ein Befall hat niemand verdient.

Ich habe trotzdem ein wenig Angst. Ich werde nun morgen in aller Frühe wieder in den WK einrücken, nachdem ich heute Nachmittag und Abend beruflich "Urlaub" hatte und als erstes mit dem Kadi sprechen, was ich hier mit diesem Blog soll. Mir wurde nämlich auch gesagt, dass aufmerksam und kritisch beobachtet wurde, was ich hier schrieb...
Ich werde aber wohl nicht wieder bloggen im Verlaufe der nächsten Zeit. Ich bin keine Pressestelle. Das ist ein Tagebuch des Reto M.. Mehr nicht. Ich dachte auch nicht, dass es plötzlich aus einem WK hinaus, solche Ausmasse annehmen könnte. Andere wohl auch nicht.

Falls wirklich die Presse hier mitlesen sollte, bitte ich Folgendes zu berücksichtigen: Ich stehe für Fragen in dieser Angelegenheit nicht zur Verfügung. Wenden Sie sich gemäss news.admin.ch an:

Christoph Brunner
Stellvertretender Armeesprecher
031 325 18 39


Kommentare:

Titus hat gesagt…

Hallo Reto

Vorab, wir haben anfangs Juli, das heisst: Sommerloch. Da findet jeder Mückenstich seinen Weg in die Schlagzeilen. Also keine Panik.

Dann: Uns wurde häufig eingetrichtert, dass wir uns in der Armee so vernünftig wie im zivilen Leben verhalten sollen.

Genau das tut die Armee selber NICHT. Denn im zivilen Leben campiert man nicht in solchen Regionen. Das war unverhälnismässig.

Auch die angebliche Aufforderung vor der Übung, prophylaktisch die Kleider geschlossen zu halten ist (resp. war) bei den gegebenen Temperaturen unverhältnismässig (weshalb nicht gleich die ganze ABC-Ausrüstung anziehen?).

Wenn das stimmt, was da auf 20min.ch steht, dann gilt nun eine Informationssperre. Auch das ist unverhältnismässig. Oder steht etwa die nationale Sicherheit auf dem Spiel?

Gerade nach dem Kander-Unglück wäre es jetzt notwendig, OFFEN zu kommunizieren. Solange es nicht um "militärische Geheimnisse" geht (gibt's solche überhaupt noch?), soll das auch für alles AdAs gelten können. So oder so ist es illusorisch zu glauben, man könnte diesen Vorfall unter einem Deckel zurückhalten.

Bei der Armee XXI scheint wohl nur der Name der heutigen Realität zu entsprechen, nicht aber das Verhalten in einer immer stärker vernetzten Gesellschaft.

Manche scheinen zu vergessen, dass wir in Friedenszeiten leben und sich auch die Armee an die Bundesverfassung zu halten hat (Art. 16 Meinungs- und Informationsfreiheit). Diese steht immer noch über alle, insbesondere wenn's um den Aspekt Gesundheit und nicht um den Aspekt Landessicherheit geht.

Das Verhalten der Armee liesse sich allerdings dadurch rechtfertigen, falls die fraglichen Zecken z. B. von der CIA gestreut wurden...

Michael Jäger hat gesagt…

Jetzt mal im Ernst: wenn man Angst vor einem Zeckenbiss hat, gehört man eigentlich auch nicht in den Armeedienst ;-)

Anonym hat gesagt…

Wieder einmal zeigt sich: Nur wer dumm ist und/oder sich im Leben sonst nicht behaupten kann, leistet noch Militärdienst. Alle anderen haben gar keine Zeit für einen solchen Unsinn.

Tom (und-nicht-anonym) hat gesagt…

@anonym. Umgekehrt währe wohl richtig. Wer sich schon von einem "bisschen Militärdienst" mit Marsch und Zelten stressen lässt, ist wohl auch nicht fähig im knallharten Leben zu bestehen. Was soll ich als Pfadileiter meinen "Wölfchen", "Bienchen" und besonders deren Eltern sagen wenn wir Zelten und das Militär tut dies aus „Sicherheitsgründen“ nicht mehr? Hallo?! Und die Chance im Alltagsverkehr Verletzt oder gar getötet zu werden ist immer noch zich mal grösser als von einer Zecke geschädigt zu werden. Hat jemand Angst vor Auto’s??

Anonym hat gesagt…

Willkommen im Sommerloch, in dem jeder Furz zu einer Story wird!

Titus hat gesagt…

@ Michael Jäger
Wenn es um nen Mückenstich ginge, könnte ich Dir durchaus zustimmen. Doch so harmlos klein Zecken auch sind, sollten sie nicht unterschätzt werden. Schon manche Hirnhautentzündung (ausgelöst durch Zecken) haben in der Armee leider zum Tode geführen :-(

@ anonym
Konsequent wäre, wenn Du Dich nicht nur dem Militärdienst entziehst, sondern auch für deren Abschaffung etwas unternimmst. Sonst sind alle dumm, die weiterhin mit ihren Steuern die Armee finanzieren, obwohl sie nichts von diesem Verein wissen wollen.

@ Tom
Würde eine Herde von 160 Pferden (oder 160 PS) auf Dich zukommen, würdest Du gewiss das Weite suchen. Anders gesagt: Wir sollten eigentlich Angst haben vor Autos.

Viele Mamis und Papis (auch solche von Wölfchen und Bienchen) fahren ihre Kinder deshalb mit dem Auto zur Schule, weil sie Angst um die Sicherheit ihrer Kinder im Strassenverkehr haben.

Nebenbei: Wenn Du den Mamis und Papis von Wölfchen und Bienchen erzählst, dass ihr in einem Wald campieren geht, wo sich viele Zecken befinden, wirst Du wohl alleine am Lagerfeuer sitzen müssen...

Anonym hat gesagt…

Borreliose-Virus

hmm... ist aber ein Bakterium? Oder nenn mir einen Virus, den man mit Antibiotikum behandelt.

http://de.wikipedia.org/wiki/Lyme-Borreliose

David hat gesagt…

Komm, wir machen die Wälder in den befallenenen Gebieten zur Sperrzone! Urwald! Nicht dass sich auch noch Förster dieser Gefahr aussetzen müssen! Oder gar Kinder!

Sorry, aber das ist einfach Zeckenhysterie, die mit den echten Gefahren nichts zu tun hat.

Reto M. hat gesagt…

@ alle:
Wie gesagt. Ich sage zu dem Thema eigentlich nichts mehr.... Man darf geteilter Meinung sein. Ich akzeptiere eure (zum Teil harten) Meinungen. Für diejenigen, welche befallen wurden, war's auf alle Fälle keine lustige Übung. Ich danke Titus für die Übernahme der Moderation.

Richtigstellungen meinerseits:
Bei Borreliose handelt es sich tatsächlich um ein Bakterium und keinen Virus. Erste Antibiotika mussten gestern an AdA's ausgegeben werden, weil Anzeichen der Erkrankung auftraten.

Was man mit Pfadi und so weiter eventuell nicht vergleichen kann: Es waren bzw. sind sehr viele Personen in unserer Abteilung von Zecken befallen worden. Frage ist und bleibt: Ist ein Biwak (im Hochrisikogebiet für Zecken hin oder her) für eine Abteilung mit einem Spezialgebiet wie dem unsrigen wirklich nötig. Lohnt es sich, ein solches Risiko einzugehen?

All jenen, welche von Hysterie sprechen möchte gesagt sein, dass es in dieser Ausnahmesituation oft diejenigen, welche am zuerst am beschwichtigsten wirkten, dann beim Fund einer Zecke auf ihrem Körper am heftigsten reagierten. Würdet ihr wirklich alle es so locker hinnehmen, wenn ihr euch in einem gezwungenen Camp eventuell mit einer Wahrscheinlichkeit von 1-2,5% mit einer schwerwiegenden Krankheit angesteckt hättet?

Es ist nicht der Weltuntergang. Da pflichte ich euch bei. Aber es ist doch einfach ein unnötiges Risiko, das eingegangen wurde.

David hat gesagt…

Wenn die Zecken innerhalb eines Tages herausgenommen werden, ist die Wahrscheinlichkeit einer Infektion meines Wissens viel kleiner.

Als Cevi-Leiter bin ich mir gewohnt, Zecken herauszunehmen – dieses Jahr bisher 3, andere Jahre auch mal 5 oder mehr. Und ja, manchmal waren wir etwas zu unbeschwert. Wir hätten uns vielleicht gegen FSME impfen sollen. Zufälligerweise hat es mich tatsächlich erwischt mit FSME. Ich war einen Monat krank. Das ist nicht lustig, aber so schlimm auch wieder nicht. Letztes Jahr ist eine einzige betagte Person an einer von einer Zecke übertragenen Krankheit gestorben. Wie viele sterben auf dem Fussgängerstreifen? Ich bin nicht sicher, was gefährlicher ist: Eine stark befahrene Strasse zu überqueren oder ein Zeckenbiss mit rechtzeitiger Entfernung.

Vielleicht war ich aber mit dem Vorwurf "Zeckenhysterie" an den falschen gelangt. Der Vorwurf gilt vor allem den Medien wie 20min oder TeleZüri, die sowas in Verbindung mit dem Kanderunglück bringen. Als Betroffener darfst du natürlich verunsichert sein und dies kundtun. Als 20min sollte man das Ganze aber ins rechte Licht rücken.